Seniorin 2018 | 1

Der einflussreichste Theatermann Europas

Der Schweizer Regisseur und Autor Milo Rau ist der Champion des Dokumentartheaters. Er hat Anders Breivik, den Völkermord in Ruanda und im Kongo und jetzt die Flüchtlingskrise auf die Bühne gebracht. Wer ist Milo Rau?

 

In Bukavu im Osten Kongos, an einem der gefährlichsten Orte der Welt, lässt Milo Rau Rebellen, Militärs, Politiker, Konzern-Anwälte und einfache Dorf­bewohner vor einer Jury aus internationalen Juristen schwere Menschenrechts­verletzungen verhandeln. Echte Akteure, echte Fälle – nur ist das Gericht inszeniert und das Urteil hat keine Rechtsfolge. Es soll Politik und Weltöffentlichkeit wachrütteln: Wieso sterben im Kongo Hunderttausende in einem Bürgerkrieg, der wegen Rohstoffen für unsere Computer und Handys geführt wird, und alle schauen weg?

Milo Rau, geboren 1977 in Bern, studierte Soziologie, Germanistik und Romanistik in Paris, Zürich und Berlin. Seit 2003 arbeitet Rau als Regisseur und Autor im In- und Ausland, insbesondere in Deutschland, Rumänien, Russland, der Schweiz, Frankreich und Belgien. 2007 gründete er für die Produktion und Auswertung seiner künstlerischen Arbeiten die Theater- und Filmproduktionsgesellschaft IIPM (Internatio­nal Institute of Political Murder), die er seitdem leitet. Rau ist neben seiner Arbeit und der Bühne auch als Dozent für Regie, Kulturtheorie und soziale Plastik an Universitäten und Kunsthochschulen tätig.

Seine Theaterinszenierungen und Filme (u.a. «Die letzten Tage der Ceausescus», «Hate Radio», «The Civil Wars», «The Dark Ages» und «Das Kongo Tribunal») tourten durch bisher über 30 Länder und wurden zu den wichtigsten nationalen und internationalen Festivals eingeladen. Der umtriebige Milo Rau wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit der Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik 2017 und dem ITI-Preis zum Welttheatertag 2016. Rau ist nach den Theaterkünstlern Frank Castorf, Pina Bausch, George Tabori, Heiner Goebbels und Christoph Marthaler der bisher jüngste Träger des renommierten Theaterpreises.

Im Kampf gegen das Unveränderliche
Milo Rau gilt derzeit als «der einflussreichste Regisseur des Kontinents». Er will im Spiel die Welt verändern. Doch, das muss gesagt sein, er ist kein Fantast, er treibt seine Projekte, darunter das «Kongo Tribunal» und «The Dark Ages», mit Entschlossenheit voran. Es sind Spiele, die zeigen wollen, welche Geschichte uns hervorgebracht hat – und was auf uns zukommt. «Milo Raus Inszenierungen wehren sich gegen das Unmögliche, das Unveränderliche, das Starre einer als alternativlos behaupteten Gewalt oder Unterdrückung. Rau sucht nach der Wahrheit des Möglichen und ihren Bedingungen», wurde der Regisseur in einer Laudatio in Bochum (Verleihung des
Peter-Weiss-Preises) gewürdigt.

Exemplarisch für Milo Raus Theater- und Filmarbeit steht das insgesamt 30-stündige «Kongo Tribunal», das er und sein Team im Sommer 2015 in Bukavu im Ostkongo und Berlin durchführten: ein Volkstribunal zur Verwicklung der internationalen Minenfirmen, der kongolesischen Regierung, der UNO, der EU und der Weltbank in den Bürgerkrieg im Ostkongo, der in 20 Jahren mehr als 5 Millionen Tote gefordert hat. Um dem Thema zusätzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, hat Rau das Tribunal mit der Kamera begleitet. Die so entstandene Filmdokumentation «Das Kongo Tribunal» war unlängst in unseren Kinos zu sehen. Das Medienecho war weltweit: das «grössenwahnsinnigste Kunstprojekt unserer Zeit», berichtete Radio France Internationale. Und die taz schrieb: «Zum ersten Mal in der Geschichte wird hier die Frage nach der Verantwortung für Verbrechen gestellt.»

Wie ertragen wir das Elend der Anderen?
In seinem neusten Stück «Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs» begibt er sich gemeinsam mit seinem Team in die politischen Brennpunkte der heutigen Zeit: auf die Mittelmeerroute der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und ins kongolesische Bürgerkriegsgebiet. Der aus Interviews mit NGO-Mitarbeitern, Geistlichen und Kriegsopfern in Afrika und Europa gespeiste Doppel-Monolog betritt dabei bewusst widersprüch­liches Gelände: Wie ertragen wir das Elend der Anderen, warum schauen wir es uns an? Warum wiegt ein Toter an den Toren Europas mehr als 1000 Tote in den kongolesischen Bürgerkriegsgebieten? So ist «Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs» nicht nur ein Nachdenken über die Grenzen unseres Mitleids – sondern auch über die Grenzen des europäischen Humanismus.

Kann Kunst die Welt verändern, wenn die Politik versagt? Milo Rau glaubt: ja. 2015 schrieb der Tages-Anzeiger: «Der ‹Milometer› ist inzwischen so etwas wie der Goldstandard der Postdramatik: Milo Rau, der mit dokumentarischen Theatersprengungen die Häuser füllt, ist es gelungen, seine Kunst weit hinauszuwerfen aus dem Elfenbeinturm. So weit, dass sich seine Person selbst wieder zu einer Projektionsfigur verfestigt hat.» Zugleich hat sein oft von Prozessen und öffentlichen Auseinandersetzungen begleitetes Werk Milo Rau den Ruf eines «Skandal-Regisseurs» eingebracht.

Regisseur und Autor Milo Rau