Seniorin 2018 | 1

Zukunft Medizin: Künstliche Intelligenz als Türsteherin

Die Gesundheitspolitik wird zunehmend zum Thema Nummer 1 der Schweizerischen Innenpolitik. Bundespräsident Alain Berset hat an der 5. Gesundheitskonferenz eindrücklich alle im Gesundheitswesen Tätigen aufgerufen, sich auf grundlegende Reformschritte zu einigen. Doch an der Konferenz kam das Gegenteil zum Ausdruck: alle schieben einander den Schwarzen Peter zu. Darum hat Anton Schaller mit dem Zukunftsforscher Georges T. Roos gesprochen: Was ist zu tun?

 

Herr Roos, Sie beschäftigen sich intensiv mit Zukunftsszenarien, insbesondere auch mit der Gesundheit, einem Mega-Thema auch in der Aktualität. Die Krankenkassenprämien werden sich – so Experten – bis ins Jahr 2035 verdoppeln, von einer monatlichen Prämie in der Grundversicherung von heute 400 auf 800 CHF. Ist dieser Trend zu bremsen, ist er unausweichlich?
Es gibt drei wesentliche Kostentreiber: die Alt­e­rung der Bevölkerung, die Zunahme chronischer Erkrankungen und den medizinischen Fortschritt. In den nächsten 30 Jahren wird die Bevölkerung im Rentenalter in allen Kantonen stark wachsen. Sie dürfte in nahezu allen Kantonen über 50 Prozent zunehmen. Die Lebenserwartung steigt bis 2040 um weitere 5 Jahre. Eine Pflegeversicherung könnte die obligatorische Krankenversicherung entlasten – was aber an den Kosten nichts ändern würde, nur an der Finanzierung. 

Sie haben in einem Vortrag dargelegt, dass die Konvergenz, das Zusammenspiel von Biologie, Genetik, Informatik und Robotik, das Gesundheitswesen auf den Kopf stellen, ein Paradigmenwechsel stattfinden wird. Auf welchen vorliegenden Fakten und Erkenntnissen basiert Ihre Vorhersage?
Wir sehen phänomenale Fortschritte in Basistechnologien: Die Fortschritte im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) über die letzten 7 Jahre sind viel­versprechend, seit nicht mehr regelbasierte Systeme, sondern maschinelles Lernen ihre Grundlage ist: Neuronale Netzwerke machen aus Computern Maschinen, die wie ein biologisches System handeln. Sie wachsen ähnlich mental wie ein Mensch, sie lernen eigenständig dazu, können Gesichter und Geräusche erkennen, verstehen Sprache und haben ein Text­verständnis. Ein Hauptanwendungsfeld werden Medizin und Biologie sein. Aus Milliarden von Gesund­heits­daten, die wir teilweise auch selber mit unseren Smartphones sammeln, und mit Tausenden von sequenzierten Genomen wird die Künstliche Intelligenz neue Therapien ermöglichen – auch für Krankheiten, die heute chronisch verlaufen oder zum Tod führen. 

Sie legen dar, dass Künstliche Intelligenz die ärztliche Diagnose ergänzen, wenn nicht gar ersetzen wird. Die Diagnose werde aus der Datenflut, aus Self-Tracking (sich selber vermessen), Gen-Sequen­z­ierung und digitalem Patientendossier entstehen?
Wie wird das funktionieren, wird der Arzt ganz über­­flüssig oder wird er multifunktional, eine Mischung aus IT-Fachmann und sozialem Begleiter, Berater, damit sich der Patient in dieser digitalen Welt zurechtfindet, davon profitieren kann?
Wünschenswert wäre, wenn meine Ärztin diesen mächtigen «IT-Assistenten» zur Seite hätte, damit sie bessere Diagnosen stellen und besser abgestützte Therapien anwenden könnte. Heilung ist immer auch ein zwischenmenschliches Phänomen. Dass das Arztprofil dadurch mehr in Richtung Psychologe und Seelsorger sich verändern wird, scheint mir klar. Denkbar ist aber auch, dass – etwa um Kosten zu sparen – die Künstliche Intelligenz eine Art Türsteherin an der Arztpraxis sein wird: Sie würde dann entscheiden, ob ich überhaupt einen Arzt sehen darf oder nicht. 

In den Vordergrund rückt das digitale Patienten­dossier, dem immer noch wegen des möglichen Datenmissbrauchs eine grosse Skepsis entgegengebracht wird. Können die Vorbehalte abgebaut werden, weil der Nutzen davon grösser ist als die Angst vor dem Missbrauch? Und: Wird das Patientendossier wie eine Bankkarte aussehen und werden darauf alle Daten jederzeit verwend- und ergänzbar – auch verschlüsselt – Platz finden oder wird uns künftig gar ein Chip implantiert?
Die heutige Medizin hat ein Datenproblem. Das heisst, es gibt zu wenige verwertbare Daten, um wirklich wissenschaftlich wirken und grosse Fortschritte erzielen zu können. Medizin ist heute noch eine Kunst. Mit mehr Daten und einer besseren Datenauswertung würde sie endlich zur Wissenschaft. Gesundheitsdaten gehören zu den heikelsten und schützenswertesten Daten überhaupt. Daher müssen wir eine politische Regelung finden, welche den Fortschritt nicht behindert, uns aber als Bürger und Patienten vor dem Missbrauch schützt. Ein Grundprinzip dabei sollte sein: Meine Daten gehören mir. Ich kann sie – auch gegen ein Entgelt, denn Daten sind das Gold von morgen – für Forschungszwecke zur Verfügung stellen. Ich kann mich aber auch verweigern, ohne dafür Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Ob auf Chip implantiert oder auf einer Karte erfasst, ist im Prinzip egal. Der Chip hätte den Vorteil, dass der Rettungssanitäter im Notfall sofort umfassend informiert wäre. Biologisch ist ein implantierter Chip kein Problem. Alle Hunde in der Schweiz leben gut damit.

Und in der Gesundheitsversorgung wird die person­a­lisierte Medizin immer stärker Einzug halten. Diagnosen werden sich, wie Sie schon dargelegt haben, auf eine grosse Datenmenge abstützen, aber auch auf weitreichende pathologische Untersuchungen.
Was wir nicht vergessen dürfen, ist, dass sich dank Künstlicher Intelligenz auch die Entwicklung von neuen Medikamenten deutlich verbilligen könnte. Ich stelle mir vor, dass man Sie und mich in verschiedene genetische Typen einteilt – und für diese verschiedenen Typen gibt es verschiedene Medikamente. Und lassen Sie mich aber noch ein heikles Thema anfügen: Ich glaube, unsere Gesellschaft muss das gute Sterben lernen. Es ist beeindruckend, wie viel Gesundheitskosten in den letzten Monaten des Lebens anfallen. Das Unausweichliche aber ist unausweichlich. Noch nie hat die Medizin endgültig gewonnen gegen den Tod. Ich persönlich finde es wichtig, dass wir den Tod enttabuisieren.

Und zum Schluss eine ganz persönliche Frage: Sie beschäftigen sich tagtäglich mit der Zukunft, mit den Trends. Machen Ihnen Ihre Erkenntnisse nicht manchmal auch Angst. Und wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Es gibt gar nicht so viele Tendenzen, die sich ins Negative neigen. Die Welt ist besser als ihr Ruf. In den letzten Jahrzehnten hat sich weltweit die Lebens­erwartung massiv erhöht, zugleich ist die Kindersterblichkeit massiv zurückgegangen. Vor 30 Jahren war jeder dritte Mensch auf der Welt extrem arm, heute sind es weniger als 10 Prozent. Zugleich gibt es Entwicklungen, vor denen es zu warnen gilt. Man hat mich schon einen Zukunftsoptimisten genannt. So würde ich das nicht bezeichnen. Aber ich bin ein Possibilist: Ich glaube, dass wir die Möglichkeit haben, die Weichen in die richtige Richtung zu stellen. Das kann mitunter ein schmerzvoller Prozess sein, aber er ist möglich.

www.kultinno.ch | www.swissfuture.ch


Georges T. Roos (55)

lic. phil. 1, beschäftigt sich professionell seit 20 Jahren mit den strategischen Zukunftsherausforde­­r­ungen von Unternehmen und Organisationen. Er ist der führende Zukunftsforscher der Schweiz, be­kannt als Vortragsredner zu Megatrends, Wertewandel und strategischer Zukunftsfitness. Er ist Gründer und Leiter des privaten Zukunfts-Think-Tanks ROOS Trends&Futures. Überdies ist er Gründer und Direktor der European Futurists Conference Lucerne und Mitglied des Vorstandes von swissfuture – Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung.

seniorin zu Gast im:

 

Ivan Kuhn

 

Restaurant Volkshaus

 

Das Zürcher Volkshaus, 1910 als Stiftung vom Zürcher Frauenverein, dem sozialistischen
Abstinentenbund und anderen Mässigkeits­vereinen mit dem Zweck der «Förderung der sittlichen Gesundheit der Arbeiterschaft» gegründet, war in seinem 98-jährigen Bestehen nie ein wirkliches Erfolgsmodell. Auch das mit den Nachwehen der Jugendunruhen 1980 ge­fallene Alkoholverbot konnte daran nichts ändern. Erst die 2008 unter starkem wirtschaftlichem Druck erfolgte Konzeptänderung und der umfas­sende Umbau bewirkten eine gründliche Neu­orientierung. Heute ist der alte Mief entschwunden und das Restaurant ist ein beliebter und erfolg­reicher Treffpunkt mit Bar, Bistro und Restaurant. 

Bei unserem Besuch wählten wir als Vorspeise einen Teller Rüblicrèmesuppe, der, mit einem Schuss Kürbisöl abgeschmeckt, grossartig mundete (10.50 CHF). Als Hauptgang entschieden
wir uns für Hacktätschli mit Rosmarinjus und Kartoffel-Lauch-Stampf, ein Volkshaus-Klas­siker, wie üblich: einfach phantastisch (23.50 CHF).

Als Weinbegleiter wählten wir den Pinot Noir 2015 vom Weingut Andreas Schwarz, der hervorragend zum Essen harmonierte (8 CHF/dl.). Als ebenso fein wie die Hauptspeisen erwies sich das abschlies­sende Dessert. Beide, das perfekte Tiramisù und das ebenso feine Mandarinensorbet mit Schokolade und Sauerrahm, waren ein schöner Abschluss für ein gelungenes Treffen im Volkshaus Bistro. Fazit: Das Essen im Volkshaus kann sich mit vielen teureren Lokalen in Zürich durchaus messen. Obwohl das Restaurant bei unserem Besuch sehr gut besetzt war, war die Bedienung durchgehend auf­merksam, freundlich und zuvorkommend und auch ältere Gäste werden mit der gleichen freundlichen Aufmerksamkeit beachtet. Das Restaurant ist rollstuhlgängig, der Zugang zu den sanitären Bereichen erfolgt mit dem Lift über den Haupt-Eingang zu den Sälen. 

Das Restaurant ist im Kreis 4 ein beliebter Treffpunkt. Eine telef. Reservation lohnt sich in
jedem Fall. Parkplätze sind beim Restaurant keine vorhanden.

Restaurant Volkshaus
Tel. 044 242 11 55 | info@restaurantvolkshaus.ch
Stauffacherstrasse 60 | 8004 Zürich
MO bis DO 8.00 – 24.00
FR 8.00 – 2.00 | SA 9.00 – 2.00 | SO 10.00 – 24.00