Seniorin 2018 | 2

«Berset solls richten, wir können es nicht ...»

… stellt Christine Egerszegi im Interview mit «seniorin» fest. Die alt Ständerätin der FDP aus dem Kanton Aargau ist Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für die berufliche Vorsorge BVG, einer Kommission, die 16 Mitglieder zählt. Die Kommission behandelt alle Belange der beruflichen Vorsorge, der Pensionskassen; sie berät auch den Bundesrat und erstellt entsprechende Anträge.

 

Christine Egerszegi: Ihre Kommission gibt Empfehlungen ab, beispielsweise ob der Umwandlungssatz erhöht oder gesenkt werden soll. Mit welchen Themen beschäftigt sich die Kommission zurzeit prioritär?
Die BVG-Kommission wartet besorgt darauf, dass sich die Parteien nach dem Scheitern der Altersvorsorge 2020 zu einer neuen Vorlage zusammenraufen. Leider ist für die Pensionskassen weit und breit keine neue Lösung auf dem Tisch. Der viel zitierte Plan B heisst offensichtlich «Berset solls richten, wir können es nicht …» Im Moment beschäftigt sich die Kommission stark mit der Frage, wie hoch das Altersguthaben der Versicherten verzinst werden kann und muss. Der Mindestzins stellt sicher, dass alle Versicherten in der Pensionskasse eine angemessene Verzinsung ihrer Altersguthaben erhalten. Das ist heute nicht einfach.

Die Oberaufsichtskommission, welche die Pensionskassen überwacht, hat in einer Studie festgestellt, dass die Altersrente aufgrund der aktuellen Situation um einen Viertel gekürzt werden müssten. Die Kommission beziffert die Umverteilung von der aktiven Bevölkerung auf die Rentnerinnen und Rentnern jährlich auf 6,4 Mia Franken. Wie beurteilen Sie die Feststellung? Wie geht Ihre Kommission damit um?
Ich mache diese mathematischen Spielchen nicht mit. Tatsache ist, dass man die AHV nicht kürzen kann. Eine minimale AHV-Rente beträgt 1175 Franken. Die Maximale das Doppelte. Vergleicht man das mit einem durchschnittlichen Mietzins, dann realisiert man, wie tief das ist. In den letzten Jahren wurde keine Teuerung ausgeglichen, aber die Krankenkassenprämien sind gestiegen. Das heisst: die Renten sind effektiv gesunken. In der zweiten Säule findet eine Umverteilung statt, weil der Umwandlungssatz zu hoch ist. Mit der Altersvorsorge 2020 wollte man das korrigieren, aber die Mehrheit der Bevölkerung sagte Nein. Jetzt wartet die BVG-Kommission auf die nächste Vorlage, die aus dem Parlament kommt.

Sie setzten sich im Ständerat vehement für die Vorsorge 2020 ein, auch für die Kompensation des gesenkten Umwandlungssatzes mit 70 Franken mehr AHV für die berufsaktive Bevölkerung, Sie sprachen sich auch für das Renteneintritts-alter der Frauen von 65 aus. Sie erlitten mit dem Parlament und dem Bundesrat Schiffbruch. Welche Lehren ziehen Sie nun aus dem Ergebnis?
Die Altersvorsorge 2020 wurde von 3 Seiten bekämpft: wegen der Teilkompensation über die AHV (70 Franken), wegen des Frauenrentenalters 65 und des K-Tipps, der immer gegen die 2. Säule schiesst. Es war ein Pyrrhussieg. Es wird auch in der nächsten Vorlage nicht ohne Kompromiss gehen, denn eine Revision, die wegen der Senkung des Umwandlungssatzes tiefere Renten bringt, ist chancenlos.

Im Vorfeld der Abstimmung um die Vorsorge 2020, die vom Volk am 24. September 2017 abgelehnt worden ist, hiess es immer wieder, die Pensionskassen seien in einer Schieflage: Die Kassen müssten unbedingt saniert, der Umwandlungssatz müsse markant gesenkt werden.  Wie stellt sich die Situation aktuell dar?
Im Moment senken die Verantwortlichen den Umwandlungssatz im überobligatorischen Teil, reduzieren den technischen Zins und erhöhen so den Deckungsgrad ihrer Kassen. Deshalb stehen die meisten Kassen heute nicht schlecht da. Aber die tiefen Zinsen belasten das System. Neben den Altersgutschriften garantieren die Erträge aus dem Kapital die späteren Renten. Wenn diese nicht reichen, braucht es Gelder aus dem Topf der aktiven Arbeitnehmenden. Und diese fehlen denen dann im Alter.

Das Jahr 2017 war ein hervorragendes Börsenjahr. Die Performance betrug gegen 17 Prozent. Viele Pensionskassen schlossen sehr gut ab, weisen einen weit besseren Kapitaldeckungsgrad aus als noch vor einem Jahr. Ist nun der Druck zur Sanierung der Pensionskassen nicht mehr so stark? Kann man gar zur Tagesordnung übergehen?
Das stimmt. Nur, in den ersten vier Monaten von 2018 war es wieder miserabel. Deshalb kann man nicht die Hände in den Schoss legen.

Mit der Vorsorge 2020 wollte insbesondere Bundespräsident Alain Berset, aber auch eindeutig der Ständerat, beide Sozialwerke, die AHV und die berufliche Vorsorge BVG, revidieren. Er verknüpfte die beiden gar. Auch Sie setzten sich für eine umfassende Lösung ein. Nun sollen die beiden Sozialwerke nach-einander saniert werden. Zuerst die AHV, dann das BVG. Ist das nun der richtige Weg?
Man kann die AHV und das BVG schon getrennt zur Abstimmung bringen, aber inhaltlich müssen sie aufeinander abgestimmt werden. Wenn wir beispielsweise in der AHV ein flexibles Rentenalter zwischen 62 und 70 einführen, muss das zwingend für die ganze Altersvorsorge gelten.

Zentral ist doch, dass die AHV und die berufliche Vorsorge zusammen den Pensionierten den gewohnten Lebensstandard in etwa zu garan-tieren vermögen, dass zumindest kein Abbau der Vorsorge passiert. Das kann doch nur eine Lösung garantieren, die beide Sozialwerke ins Auge fasst?
Ja, wir haben das festgelegte Ziel, dass die Renten aus der 1. und der 2. Säule 60 % des zuletzt verdienten Lohnes geben müssten. Sie gehören zusammen.

Und eine Abstimmung ist doch nur möglich wenn auch beide miteinander saniert werden?
Theoretisch wäre ein getrenntes Vorgehen möglich, aber wenig sinnvoll. Man hört aus Wirtschaftskreisen: Jetzt soll rasch das Rentenalter der Frauen in der AHV erhöht und ein höherer Mehrwertsteuersatz für die Finanzierung festgelegt werden. Man muss aber auch die Pensionskassen revidieren, sonst bezahlen das die nächsten Generationen.

Und eine letzte Frage: Wie würde die Alters-vorsorge aussehen, wenn Sie sie neu auf der sogenannt grünen Wiese völlig unbelastet von der Geschichte aufbauen könnten?
Ich stehe zu unserem 3-Säulen-System:

  • Die AHV ist gut berechenbar. Wir werden Korrekturen machen müssen (Frauenrentenalter wie 1948) und zusätzliche Finanzen vorsehen.
  • Die BV wird nie genau planbar werden. Man kann Gewinne und Verluste erwirtschaften. Die Berech­nungseckwerte müssen stimmen.
  • Die Selbstvorsorge darf nicht vergessen werden.

 


Christine Egerszegi-Obrist

Christine Egerszegi-Obrist studierte an den Universitäten Zürich und Lausanne Romanistik. Vor der Bundespolitik war sie Aargauer Grossrätin und Stadträtin von Mellingen. 1995 wurde sie in den Nationalrat gewählt, den sie 2006/07 präsidierte. Danach wechselte sie in den Ständerat und schloss Ende November 2015 die Parlamentsarbeit ab. Ihre politischen Schwerpunkte sind Bildungs-, Gesundheits- und Sozialpolitik. Der Bundesrat wählte sie im November 2015 zur Präsidentin der Eidg. BVG-Kommission.

seniorin zu Gast im:

 

Ivan Kuhn

 

Bodega Española

 

Die Bodega Española im Zürcher Niederdorf, als Casa Gorgot von Einwanderern im Rahmen einer frühen Migrationswelle als Restaurant mit Weinhandlung gegründet, ist seit 1874 eine feste Zürcher Institution. In den 50er-Jahren in den Besitz der Familie Winistörfer überge­gangen, ist das Restaurant immer noch der spanischen Lebensart verpflichtet. Seit meiner Sturm- und Drangphase, in den frühen 70er-Jahren, als die Bodega mir und meiner Clique als Wohn­zimmer diente, hat sich daran nichts geändert. Heute, mehr als 40 Jahre später, ist alles nahezu unverändert. Wir verzichteten daher auf einen Besuch im gepflegteren «Sala Morisca» im ersten Stock und mischten uns unter die zahlreichen Gäste, die sich in der Gaststube versammelt hatten. Auch das ist eine der tollen Seiten der Bodega. Es gibt keine reservierten Plätze, alle Gäste lassen sich an einem der langen Holztische nieder, was zu spannenden Begegnungen führen kann.

Der Gast kann zwischen offen angebotenen Tapas oder aus À-la-carte-Gerichten wählen. Zum Einstimmen bestellten wir uns eine Portion Serrano-Schinken (CHF 18.50) Als Apéro wählt mein Begleiter ein Glas Cava (CHF 9.50/dl), während ich mich für eine Copa trockenen Sherry Oloroso entscheide (CHF 8/dl), Makellos waren die servierten Speisen: Das perfekt gegarte Entrecôte (CHF 39.50) mit knusprig gebackenen Pommes frites erwies sich als äusserst zart und die Parrillada Marisco (CHF 41.50) als reichliche Auswahl an grillierten Fischen und Meeresfrüchten. Weinbegleiter war eine Flasche Rotwein Ponce P.F. 2014 aus der Traubensorte Bobal (CHF 58). Der Wein entpuppte sich als fruchtiges Kraftpaket und liess uns unseren Aufenthalt wie Ferien empfinden. Der traditionelle Flan Bodega (CHF 9) und ein Orangensalat mit Moscato (CHF 10) run­deten unseren Besuch ab.

Fazit: Die Bodega Española bleibt eines meiner Zürcher Lieblingslokale mit grossem kulinarischem und kulturellem Genussfaktor.

Bodega Española
Münstergasse 15
8001 Zürich
keine Parkplätze

Öffnungszeiten: täglich 10.00 bis 24.00 Uhr