Seniorin 2018 | 2

Die Kluge reist im Zuge

Wenn ich an die SBB, die Schweizerischen Bundesbahnen, denke, purzeln mir die Erinnerungen nur so durcheinander.

 

Da ist zunächst Josef Zemp (1834 – 1908), der 1891 als erster CVP-Bundesrat gewählt wurde. Er bekam die Aufgabe, das Eisenbahnwesen in der Schweiz zu verstaatlichen. Am 20. Februar 1898 wurde das umstrittene «Bundesgesetz betreffend die Erwerbung und den Betrieb von Eisenbahnen für Rechnung des Bundes und die Organisation der Verwaltung der schweizerischen Bundesbahnen» in einer Volksabstimmung deutlich angenommen. Am 1. Januar 1902 wurden dann die Schweizerischen Bundesbahnen gegründet.

Eine fast mythische Gestalt
Dann taucht mein Grossvater, Lokomotivführer der Gotthardbahn, in meinem Gedächtnis auf. Zu seiner Zeit wurde die Lokomotive noch mit Dampf betrieben. Ich kannte ihn nicht, er verstarb früh. Aber er war für mich eine fast mythische Gestalt. In Biasca befanden sich Reparaturwerkstätten für die Bahn. Deshalb wuchs mein Vater in Biasca auf. Ganz friedlich sei es zwischen den Buben aus den Deutschschweizer Eisenbähnlerfamilien und den jungen Ticinesi nicht immer zugegangen, erzählte er gelegentlich. Für eines dieser Zusammentreffen hätten sie sich sogar vor dem Commissario verantworten müssen.

Dass mein Vater auch bei den SBB arbeitete, hinterfragte ich nie. Wo denn sonst? Im Einsatz auf einer Bahnstation in der Innerschweiz lernte er als junger Beamter meine Mutter kennen. Die beiden zogen nach der Heirat nach Schaffhausen, dann nach Zürich. Die Wechselstube im Hauptbahnhof Zürich war sein Arbeitsort. Später leitete er sie. Allerdings konnte ich mit dem Beruf meines Vaters bei meinen Schulkamerad­innen nicht punkten. Für sie war das ein Bürojob, für mich überhaupt nicht. In früheren Jahren standen die Italiener jeweils vor Weihnachten oder vor Ostern vor dem Geldwechsel im Hauptbahnhof Zürich Schlange. Das war immer eine spannende Geschichte.

Unvergessene Familienreisen ins Tessin
Meine erste selbstständige Bahnfahrt führte mich nach Schaffhausen, wo meine Grossmutter väterlicherseits ihre Altersjahre verbrachte. An jeder Station, an welcher der Zug hielt, musste ich mich innerlich vergewissern, dass ich da noch nicht aussteigen musste! Ich schaffte es, das Experiment gelang. Damals fuhr ich in der dritten Klasse, der Holzklasse. Mit all den eindring­lichen Geboten und Verboten an den Wänden, in schwarzer Schrift auf weissen Emailtafeln: «Non sputare nella carrozza» hiess es da. Oder «Non gettare oggetti solidi dalla finestra».

Unvergessen sind die Familienreisen ins Tessin zum Besuch einer Tante. Meine Mutter bereitete als Proviant jeweils wundervolle Sandwiches mit Schinken zu. Bei meinem Vater und bei mir meldete sich der Hunger immer rasch. Aber die Mutter blieb eisern. Bevor wir den Tunnel durchquert hätten, werde nicht gegessen. «Wir könnten ja im Tunnel stecken bleiben und hätten dann wenigstens etwas zum Essen», warnte sie. Wir blieben nie stecken, aber die Sandwiches blieben trotzdem immer bis Airolo unter Verschluss!

In einer Stunde fast überall
Solange ich mich erinnern kann, bin ich mit dem Zug gefahren. Vom Bahnhof Wipkingen, ganz in der Nähe unseres Wohnortes, zum Hauptbahnhof. Das war das erste Wegstück, als ich das Gymnasium auf der Hohen Promenade und nachher die Universität besuchte. Selbstverständlich erreichte auch mein Vater seinen Arbeitsplatz mit dem Zug. Und mit meiner Mutter fuhr ich häufig am schulfreien Mittwochnachmittag «in die Stadt». Weil sie die Kleider selber nähte, galt es immer wieder, Stoffe, Faden und Knöpfe einzukaufen. Und nach Uster pendelte ich auch ein ganzes Jahr, während meines Praktikums am Bezirksgericht Uster. Als eidgenössische Politikerin, das weiss die ganze Schweiz, kam ich dann später sogar in den Genuss eines Generalabonnements der ersten Klasse!

Heute fahre ich weiter von Herzen gerne mit den SBB. Luzern ist dafür gut gelegen. In ungefähr einer Stunde bin ich nahezu überall, in Basel, in Bern, in Zürich. Und wenn das Ziel etwas weiter entfernt ist, wie etwa Chur, begeistert mich die Landschaft, den verschiedenen Seen entlang, jedes Mal aufs Neue.

Einer Medienmitteilung der SBB entnehme ich, dass an Ostern ein Zug namens «Giruno» mit 275 km/h durch den Gotthard gerast sei. Das sei eine erfolgreiche Probefahrt gewesen. Den Passagieren werde man aber im Tunnel nicht mehr als 250 km/h zumuten. Schon ab 2019 soll dieser Zug zum Einsatz kommen.

«Die Kluge reist im Zuge.» Wirklich? Auch in Zukunft? Auch durch den Gotthard?

Lassen wir diese Fragen im Raume stehen!

Fotos: Josef Ritler

 


Judith Stamm, 84

Judith Stamm, geboren 1934, aufgewachsen und ausgebildet in Zürich, verfolgte ihre berufliche und politische Laufbahn in Luzern. Sie arbeitete bei der Kantonspolizei und bei der Jugendanwaltschaft, vertrat die CVP von 1971 bis 1984 im Grossen Rat (heute Kantonsrat) und von 1983 bis 1999 im Nationalrat, den sie 1996/97 präsidierte. Sie war von 1989 bis 1996 Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen und von 1998 bis 2007 Präsidentin der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und deren Rütlikommission. Seit 2013 schreibt Judith Stamm regelmässig Kolumnen und andere Beiträge für seniorweb.ch und ist Mitglied der Seniorweb-Redaktion.

Gepolsterter Raucher-Sitzplatz in der ersten Klasse von damals

Immer mit dem Zug gefahren: Judith Stamm an ihrem ehemaligen Wohnort Wipkingen