Seniorin 2018 | 2

Jedes Leben ist es wert, erzählt zu werden

Auf der Website «Meet my Life», der cloudbasierten Internetplattform, kann jeder seine Lebensgeschichte aufschreiben und online schalten. Über 150 Geschichten wurden so bisher bereits verfasst. Diese sind für alle einsehbar.

 

Ins Leben gerufen hat die Website «Meet my Life» der umtriebige Erich Bohli, einst CEO der Dipl. Ing. Fust AG. Im Ruhestand absolvierte Bohli (er liess sich mit 60 pensionieren) ein geisteswissenschaftliches Studium und schuf die Plattform für Lebenserinnerungen. «Jede Geschichte ist es wert, erzählt und erhalten zu werden» – so die Idee des ehemaligen Unternehmers. Zusammen mit dem Erzählforscher Prof. Alfred Messerli und dem Programmierer Bobby Bitterli hat er die Plattform mit einer für Internet-Ungewohnte leicht zu bedienenden Oberfläche aufgebaut und vor rund zwei Jahren aufgeschaltet. An der Plattform ist auch die Universität Zürich beteiligt. Forscher dürfen die Geschichten als Teil von «Oral History»-Projekten nutzen.

Sich gegen Entgelt helfen lassen
Wer sich ins Portal der etwas verstaubt wirkenden Website einloggt, wird mit einer Fülle von Fragen konfrontiert. Diese erleichtern den Zugang zu den eigenen Erinnerungen. Als Gastautor darf man das Portal 30 Tage lang gratis benutzen. Ein registrierter Nutzer bezahlt für das erste Jahr einen Beitrag von rund 40 Franken, für allfällige weitere Jahre kann er den Beitrag selber festlegen. Wer Unterstützung beim Schreiben braucht, kann sich gegen Entgelt helfen lassen. Auch der Beizug eines Ghostwriters ist möglich. Sobald zehn Seiten geschrieben sind, kann der Text öffentlich geschaltet werden. Lesende können ab dann Kommentare abgeben, die der Autor einbauen oder löschen kann.

Offensichtlich findet die Plattform, wo jeder sein Leben niederschreiben und der Allgemeinheit zugänglich machen kann, breiten Anklang. Glückliche, komische und dramatische Momente seines Lebens schriftlich für die Nachwelt festzuhalten, entspricht einem wachsenden Bedürfnis. Gegenwärtig sind über 150 Biografien in Arbeit, etwa die Hälfte davon ist schon jedermann zugänglich als Work in Progress. Es schreiben vor allem ältere Menschen, die zwischen 1930 und 1950 geboren wurden. Die jüngste Autorin ist 23 Jahre alt. Die Texte werden weder kuratiert noch zensiert noch redigiert. Das Copyright bleibt bei den Autoren.

Breites Spektrum an Autobiografien
Unlängst wurden an der Universität Zürich die ersten Autobiografie-Awards von Meet-my-Life verliehen. Der erste Preis ging an den 81-jährigen Peter Marko, der während des Zweiten Weltkrieges als 7-Jähriger aus der Slowakei in die Schweiz flüchtete und später als Allgemeinmediziner im Berner Oberland arbeitete. Die Jury würdigte ihn als «grossartigen Erzähler», der, «mit primärem Blick auf seine Nachkommen, anschaulich, zielstrebig und klaglos durch seine teilweise hochdramatisch und kulturhistorisch wichtige Lebensgeschichte» führe. Unter anderem schildert er auf eindrückliche Weise seine Flucht vor den Nazischergen.

Das Spektrum der heute in Arbeit befindlichen Biografien könnte breiter nicht sein. Erschütternd die Schilderungen der zwei Verdingkinder Max Schmid und Bruno Zahnd – und in krassem Gegensatz dazu des Verdingbuben Hans Stuker, der mit Vormund und Pflegeeltern Glück hatte. Regelrecht spannend wird es beim inzwischen 82-jährigen Deutschen Joachim Wollschon: als Teenager Flucht aus der DDR, Ver­gewaltigungen durch die Frau seines Lehrmeisters, jugendlicher Straftäter in St. Pauli, Fremdenlegionär, Weltenbummler. Auch das Leben des bekannten Unternehmers Walter Fust ist nachzulesen, eines heute rund 80-jährigen Arztes der Universitätsklinik Zürich, der lange Jahre in Eritrea unter schwierigsten Bedingungen gearbeitet hat, des pensionierten, aber immer noch aktiven und vor allem klugen Pfarrers Theophil Tobler, der ehemaligen Nonne Maria von Däniken, die nach Jahrzehnten ihren Beruf an den Nagel gehängt hat und in bewundernswerter Weise im zivilen Leben ihren Platz finden musste.

Viele Texte spiegeln die bescheidenen und oft schwierigen Lebensverhältnisse der Nachkriegszeit.

Erich Bohli, der Gründer von Meet my Life

Peter Marko, der erste Preisträger von Autobiografie-Award, im Interview

Es gibt meisterlich und hilflos formulierte Texte und Passagen, vieles ist nur skizziert. Doch insgesamt wird das Menschsein in seiner ganzen Fülle gezeigt, offenbaren die Erinnerungen die Diversität der Lebensstile. Spannend im Sinne von packend ist das nicht immer. Dafür wirken die beschriebenen Momente sehr intim und ehrlich.

Mehr unter meet-my-life.net