Seniorin 2018 | 4

Jahrhundertkünstler Oskar Kokoschka

Der expressionistische Maler, Grafiker und Schriftsteller Oskar Kokoschka zählt zu den wichtigsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Ab 14. Dezember zeigt das Kunsthaus Zürich eine Retrospektive aus allen Schaffensperioden des Künstlers.

 

Oskar Kokoschka (1886 bis 1980) arbeitete gegenständlich. Mit Vorliebe malte er Porträts. Typisch für Kokoschkas Porträtbilder ist die eindringliche Aus­sagekraft der dargestellten Menschen. Das bewusste Darstellen von «Seele» brachte dem Künstler mit­unter den Vorwurf eines «entstellenden» Blickes auf seine Modelle ein. Kokoschkas Landschafts- und Stadtansichten bestechen durch ihre Monumenta­lität, sein grafisches Werk überrascht mit sensibler Strichführung. Leuchtende Farben nutzte der Künstler, um Expressivität und Sinnlichkeit Ausdruck zu verleihen.

Unbestritten und dennoch rätselhaft
Obwohl Oskar Kokoschka als bekannter expressionistischer Künstler gilt, gehörte er doch nie einer der berühmten expressionistischen Künstlergruppen wie «Die Brücke» oder «der blaue Reiter» an. Er war ein feinfühliger Maler, der mit seiner Kunst auf kulturelle, historische und soziale Bedingungen seiner Zeit rea­gierte. «Sein nachhaltiges Erbe für die Kunstpro­duktion der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart ist unbestritten und dennoch rätselhaft», schreibt das Kunsthaus Zürich in seiner Vorschau auf die Ausstellung. Und: «Im von zwei Weltkriegen erschütterten Europa, in dem realistische Kunst in Verruf geraten war, setzte sich Kokoschka unerschrocken für die Anerkennung der figurativen Kunst ein. Zeitlebens hielt er an der integralen Kraft einer Kunst jenseits von Staatspropaganda fest, was sich in seinem gesamten Werk niederschlägt.» Ausgerüstet mit einem Stipendium, besuchte Kokoschka von 1905 bis 1909 die Kunstgewerbeschule in Wien. Einer seiner Lehrer war Gustav Klimt. Besonders geprägt wurde er zu jener Zeit durch Werke von Vincent van Gogh und Ferdinand Hodler – beides Künstler, die ihn tief und nachhaltig beeindruckten. In seinen Studienjahren dominierte in der Kunst der Jugendstil, den der junge Student ablehnte. 1911 befreundete er sich mit Alma Mahler, der Witwe des Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler, der späteren Alma Mahler-Werfel. Ab 1912 lebte er mit ihr zusammen; seine dreijährige heftige und besitzergreifende, aber letztlich unerfüllte Liebe zu ihr brachte verschiedene bedeutende Kunstwerke hervor, darunter bekannte Gemälde, die Fächer und auch eine Serie von Lithografien. Im Ersten Weltkrieg betätigte sich Kokoschka als Kriegsmaler an der Front, von 1917 bis 1924 lehrte er ­an der Kunstakademie Dresden, 1933 zwangen ihn die ­politischen Ereignisse in Wien zur Flucht nach Prag.

Erste grosse Ausstellungen in der Schweiz
Kokoschkas Kunstschaffen wurde von den Nationalsozialisten als sogenannte «entartete Kunst» diffamiert. Die Gründung des «Kokoschka Bundes» 1937 in Prag hatte denn auch folgerichtig zum Ziel, einen Gegenpool zum nazideutschen Kunstverständnis zu etablieren. Doch auch in Tschechien konnte sich Kokoschka nicht sicher fühlen. Bei der Mobilmachung emigrierte der Künstler nach Grossbritannien, wo er 1946 die britische Staatsbürgerschaft erhielt. Erst 1975 nahm er wieder die österreichische Staatsbürgerschaft an. Nach seinem Exil in London liess sich Kokoschka in einer kleinen Villa in Villeneuve am Genfersee nieder, wo er von 1953 bis zu seinem Ableben 1980 die längste Zeit seines Lebens wohnhaft war. Auf das Ende des Zweiten Weltkrieges folgten erste grosse Ausstellungen für Kokoschka in der Schweiz (Zürich und Basel), später in Österreich und Japan. Der Künstler war zudem Teilnehmer der documenta I, II und III in Kassel. Schon früh spielte das Kunsthaus Zürich eine wichtige Rolle in Kokoschkas Laufbahn – folglich ist der Sammlungsbestand mit über zehn Gemälden gut bestückt. Die letzte Retrospektive in der Schweiz zu Kokoschka fand 1986 am Kunsthaus Zürich statt. Für das Kunsthaus Zürich stellt die neue Retrospektive, die in Kooperation mit dem Leopold Museum in Wien realisiert wird, die willkommene Gelegenheit dar, das reichhaltige Schaffen «dieses expressionistischen Malers mit dem unverkennbaren Pinselstrich» sowohl einer jüngeren Generation wie auch langjährigen Bewunderern wieder näherzubringen. Gezeigt ­werden in der Ausstellung ab 14. Dezember 2018 bis ­ 10. März 2019 rund 200 Exponate in allen von ­Kokoschka verwendeten Techniken und aus allen Schaffensphasen des Künstlers.

Oskar Kokoschka, Time, Gentlemen Please, 1971/1972 Öl auf Leinwand, 130 × 100 cm | Tate: Purchased 1986

 

Oskar Kokoschka, Das rote Ei, 1940/1941 | Öl auf Leinwand, 63 × 76 cm | National Gallery in Prague.