Seniorin 2018 | 4

Senioren an der Goldküste machen’s vor

Wenn Hilfe unerschwinglich wird und das Pflegeheim noch in ferner Zukunft liegt, gilt es, die Nachbarschafts­hilfe zu fördern. Senioren helfen Senioren SfS heisst die Lösung: Hilfe für Selbsthilfe. Gemeinden des Zürichsees schreiten voran.

Mitte der Neunzigerjahre wurde die Gesellschaft gewahr, dass die Menschen nicht nur älter, sondern auch fitter werden, dass zwischen Pensionierung und Tod viel mehr Zeit bleibt als gedacht, aber irgendwann wird es schwierig, den Alltag allein zu bewältigen, Nachbarschaftshilfe ist gefragt. Im Handbuch, Stichwort Selbsthilfe, steht: «In manchen Gemeinden gibt es die Vereine ‹Senioren für Senioren›. Sie fördern die Selbsthilfe und die Solidarität innerhalb der älteren Generation, indem sie diverse Dienstleistungen vermitteln. Ältere, noch rüstige Frauen und Männer helfen Vereinsmitgliedern, die dieser Hilfe bedürfen, bei alltäg­lichen Haus- und Gartenarbeiten, bei kleineren Reparaturarbeiten, bei Schreib- und Übersetzungs­arbeiten, beim Verkehr mit Behörden und bei einfachen Steuerveranlagungen, Autofahrdiensten sowie Telefondiensten für Einsame.»

Kerngeschäft Dienstleistung
An der Goldküste ist die Abdeckung zwischen der Zürcher Stadtgrenze und Meilen praktisch hundert Prozent. Drei Senioren-für-Senioren-Vereine, SfS, arbeiten mit wachsendem Zuspruch, konkurrenzieren sich nicht, schauen sich aber auch mal ins Nähkästchen, denn jeder SfS-Verein handelt in seinem Einzugsgebiet autonom, bietet nicht genau dasselbe an: Während im SfS Meilen der wöchentliche Stammtisch mit Thema ein Pièce de Résistance ist, lädt der SfS Küsnacht-Erlenbach-Zumikon regelmässig zu einem Treff an einer Chilbi oder zu einer Theatervorstellung ein, und Dieter Grauer, Präsident des SfS Zollikon-Zollikerberg bezeichnet den Mittagstisch einmal monatlich, das Offene Singen und Pétanque im Sommer als «Wachstumsbranchen» innerhalb der Vereinsaktivitäten. Letztlich geht es jedoch weniger ums Vereinsleben, Kerngeschäft ist die Dienstleistung. Alle drei Selbsthilfeorganisationen haben denselben Ursprung: Auf Anregung der Pro Senectute wurden in Gemeinden die Bedürfnisse der älteren Bevölkerung eruiert. In Meilen, später in Zollikon und Küsnacht bildeten sich in den Neunzigerjahren Arbeitsgemeinschaften, heute sind es Vereine. Der grosse Hit ist der Fahrdienst, er macht mehr als drei Viertel aller Dienstleistungen aus. Und wie es scheint, gewinnen die Vereine laufend frisch Pensionierte, die gern am Steuer sitzen und mit nicht mehr so rüstigen Rentnerinnen und Rentnern zum Posten, zum Zahnarzt oder auch mal zum Hundecoiffeur fahren. Roberto Barizzi vom Zollikerberg wohnt gleich neben einer SfS-Vermittlerin, die zu seinem Freundeskreis zählt. Sie überzeugte den Neurentner vor einigen Monaten, beim Fahrdienst mitzumachen, und nun überlegt er, auch als IT-Helfer mitzutun. Die ältesten Fahrer sind schon über achtzig. Mit 85 ist dann wirklich Schluss.

Empathie gehört zur Hilfe 
Beim SfS Küsnacht-Erlenbach-Zumikon sind es über zweitausend Mitglieder, davon rund fünf Prozent, die man für Dienste fragen kann. Peter Thut, im Vorstand verantwortlich für Presse und Werbung, sagt erfreut, so könne fast jeder Wunsch erfüllt werden, die üblichen wie Fahrdienst oder aufs Haus achten sowieso, aber durchaus auch mal Vorlesen. Thut, der selbst ab und zu den Pickel in die Hand nimmt, weiss, dass vielen Einsamen weniger an der Hilfe in Haus und Garten liegt als an dem Gespräch mit den Helfenden. Besonderes Einfühlungsvermögen ist gefragt: Beispielsweise wenn einem alten Menschen die Welt zusammenbricht, weil der Führerausweis weg ist, oder wenn eine Witwe nach dem ersten harten Trauerjahr herausfindet, dass sie sich doch noch mit dem Computer anfreunden muss. Die SfS-IT-Supporterin weiss bald, dass keine technischen Probleme beim Einstieg ins Mailen und Surfen vorliegen, sondern dass das Selbstvertrauen gestärkt werden muss. Auf Kommunikation via Internet setzen die drei SfS-Vereine längst – es werden ja auch Telecomfachfrauen und IT-Spezialisten pensioniert. So sind die verschiedenen SfS-Auftritte im Internet eleganter, benutzerfreundlicher und schneller als jene von manchen Firmen. Aber man weiss: nur online geht nicht, Mitglieder wollen auch telefonieren; wiederum dank IT ist die Erreichbarkeit der Vermittlungsstellen optimiert. Für Heidi Wuhrmann, die als Vorstandsfrau den Vermittlungsdienst im SfS Zollikon koordiniert und selbst mitarbeitet, ist Vermitteln ein dankbarer Job, «vor allem, weil die Freiwilligen sehr flexibel» seien, ein Segen sei das.

Hilfe, der Compi streikt 
Immer wichtiger wird die Dienstleistung Computer- und Smartphonehilfe. Was früher der Support am Arbeitsplatz war, würde jetzt zu viel kosten. In Meilen gibt es die Computeria, die mit SfS kooperiert, Küsnacht und Zollikon haben einen monatlichen Computeria-Stammtisch, wo alle Probleme gelöst werden – fast alle. So findet ein Superuser schnell heraus, warum das Mailen nicht mehr geht: Die Mailbox ist verstopft, die Lösung heisst löschen. Jedes Mal kommen neue Mitglieder mit neuen Fragen oder auch mal mit einem alten Laptop, dem nicht mehr zu helfen ist, da heisst die Lösung ersetzen. Wer freiwillig für ein bescheidenes Entgelt anderen hilft, soll auch über die Zufriedenheit seiner Klienten hinaus entschädigt werden: Der jährliche Anlass für Mitarbeiterinnen oder Helfer ist beliebt. Erst kürzlich wurde für die Küsnachter der Besuch in der Schoggifabrik Maestrani zur süssen Überraschung, während die Zolliker die hochtechnisierte Effizienz der Briefpost in Zürich-Mülligen aus der Nähe prüfen konnten – bevor es selbst gemachte Kuchen gab.

Zeitvorsorge/Zeitbörse

Zeit statt Geld 
Geld gegen Leistung: Dieses allgegenwärtige Prinzip hat Konkurrenz. Eine kleine zwar, aber sie wächst. Bezahlen lässt sich nicht nur mit dem Portemonnaie, sondern auch mit Zeit. Wer eine Stunde lang für jemand anderen etwas leistet, hat danach Anrecht darauf, ebenfalls eine Leistung im Umfang einer Stunde zu beziehen. Das ist die Idee sogenannter Zeitbörsen oder Zeitvorsorgen. Beispiel Zeitbörse In den Kantonen St. Gallen, Appenzell und Thurgau ­bietet die Zeitbörse Benevol St. Gallen seit elf Jahren ­ ein Netzwerk zum Tausch von Dienstleistungen an. Für die erbrachte Leistung wird Zeit auf ein Konto über­wiesen, die anderweitig wieder eingesetzt werden kann. 800 Angebote sind im Programm – Bügeln, Deutschunterricht, Gartenarbeit, Hundespaziergänge, Zügelhilfe und so weiter. Die Börse zählt heute über 400 Mitglieder, Tendenz steigend. Über 18 000 Stunden wurden bisher getauscht. Mehr unter zeitboerse.ch

Beispiel KISS 
2014 startete der Verein Kiss mit Zeitvorsorge-Angeboten in Obwalden, Luzern und Cham. Freiwillige Nachbarschaftshilfe wird auf einem Zeitkonto gutgeschrieben. Die Zeitgutschriften können später persönlich bezogen oder an andere Genossenschaftsmitglieder übertragen werden. Seither hat sich das System kontinuierlich ausgebreitet, inzwischen gibt es die Zeitvorsorge in zahlreichen Regionen und Gemeinden. Organisiert wird sie je von einzelnen Genossenschaften. Der Dachverband unterstützt sie beim Aufbau und gibt ein paar verbindliche Standards vor. Am häufigsten nachgefragt wird die Begleitung ausserhalb der Wohnung, sei es zum Einkaufen oder zu einem Arzttermin. Beliebt sind auch einfache Reparaturen, Wäsche aufhängen oder vorlesen. Mehr unter kiss-zeit.ch

Die Autorin
*Eva Caflisch studierte in Basel und stieg Ende der 60er-Jahre in den Printmedien-Journalismus ein. Zuletzt arbeitete sie rund ein Vierteljahrhundert beim Schweizer Fernsehen. Heute ist sie Redaktions­mitglied bei www.seniorweb.ch.

seniorin zu Gast im:

Ivan Kuhn

Restaurant Öpfelchammer

Das im Jahr 1357 erbaute Haus am Rindermarkt 12 im Zürcher Niederdorf beherbergt seit 1801 die älteste Weinstube Zürichs, die heute so originell ist wie damals. Ob Gottfried Keller, der grosse Erzähler undStilist der schweizerdeutschen Sprache, hier wirklich Stammgast war, wird erwähnt und bestritten. Die Biografen verorten ihn eher im nahe gelegenen Café (heute Zunfthaus) zur Meisen: dort sei Keller immer wieder eingekehrt. Dass er aber gelegentlicher Gast der Öpfelchammer war, ist durch Zeu­gnisse belegt und festigt die Bedeutung dieses ­traditionellen Lokals in der Altstadt. Der Name «Öpfelchammer» stammt aus der Zeit, als im Haus noch eine Bäckerei beheimatet war und in den Räumlichkeiten Äpfel aufbewahrt und getrocknet wurden. Bei unserem Besuch waren mein Begleiter und ich bedauerlicherweise die einzigen Gäste. Das Essen in der Öpfelchammer ist traditionell und solide. Der Wochenhit, eine grosszügige Portion Wildschweinpfeffer mit Rot- und Rosenkohl war hervorragend zubereitet und abgeschmeckt, nur die Spätzli als ­Beilage waren etwas fade. Angesichts des Preises (CHF 21) erübrigt sich aber ein Bemäkeln. Mein Gericht hingegen war absolut tadellos. Das mehr ­ als reichlich bemessene Tatar, garniert mit Zwiebel- und Gurkenwürfelchen, Pommerysenf und Sambal Ölek gefiel mir bis zum letzten ge­nossenen Bissen (CHF 35). Natürlich konnten wir der Lust nach Süssem wieder einmal nicht wider­stehen, zumal als Dessert Kaiserschmarrn angeboten wird, eine Nachspeise, die Erinnerungen an Wien wachruft; perfekt zubereitet, mit Holundersauce und einer Kugel Vanille-Glace (CHF 16.50). Wer sich da sträubt, den bestraft das Leben! Bei der Wein­auswahl legt die Öpfelchammer Wert auf bewährte regio­nale Provenienzen und auch die Preise für die Weine im Offenausschank bewegen sich in einem ­vernünftigen Rahmen. Den Räuschling gibt es für CHF 6.90/dl. Den Salgescher Pinot Noir für CHF 7.50/dl. Die Bedienung in der Öpfelchammer ist unaufdringlich, freundlich und aufmerksam. Die originale Einrichtung aus dem frühen 19. Jh. wirkt etwas museal und ist wohl nicht jedermanns Sache. Für Gäste mit einer Gehbehinderung ist die Öpfelchammer wegen der steilen Treppen nur mühsam erreichbar.

Restaurant Öpfelchammer
Rindermarkt 12 | 8001 Zürich
Tel.: 044 251 23 36 | E-Mail: info@oepfelchammer.ch
So. und Mo. geschlossen Di. bis Fr. 10.00 – 24.00 Uhr, Sa. 16.00 – 24.00 Uhr