Seniorin 2018 | 4

Shrimps aus dem «Meer» in Rheinfelden

Ab März 2019 werden tagesfrische Shrimps ausgeliefert. Damit kommt ein untypisches Schweizer Produkt mit schweizerischen Eigenschaften auf den Markt. Denn Kunden schätzen Qualität. Doch der Reihe nach, wie ist es zur ersten Schweizer Shrimpsfarm gekommen?
Der Informatiker und Freizeittaucher Thomas Tschirren aus Luterbach verbrachte im Jahr 2008 seine Ferien in Thailand. Dort sind frische Shrimps aus Wildfang direkt aus dem Meer verfügbar. Diese schmeckten ihm besser, als jene die er von zu Hause kannte. In der Schweiz gibt es nämlich nur im­portierte und tiefgefrorene Shrimps. Aus dem Flugzeug hatte er auch grosse Shrimpsfarmen gesehen. Sie gefielen ihm nicht besonders. Unter anderem deshalb, weil diese Freiluftanlagen ungeschützt
gegen äussere Einflüsse sind, wie z.B. Vogelkot. Der Einsatz von Antibiotika wird dadurch praktisch unumgänglich.

Wäre eine Shrimpsfarm auch in der klimatisch kälteren Schweiz möglich? Würde diese Idee auch andere Leute begeistern? Würde sich dies kommer­ziell lohnen? Fragen über Fragen wie ein Wald – die Idee war geboren.

Der lange Weg von der Idee zur Pilotanlage in Luterbach
Zurück in der Schweiz wurde schnell klar, dass es aufgrund der hier herrschenden klimatischen Verhältnisse nur eine Innenanlage sein kann. Die Aufzuchtbecken müssten also im Inneren eines Gebäudes aufgestellt sein. Diese Bauart brächte vermutlich auch den Vorteil, dass die Aufzucht ganz ohne Antibiotika auskommen könnte.

Zwei Jahre später waren vier begeisterte Personen entschlossen, die Idee umzusetzen. Neben Thomas Tschirren, waren dies der heutige CEO der Swiss-Shrimp AG Rafael Waber, Michael Siragusa (Chemiker) und David Misteli (Landwirt). Gemeinsam besuchten sie Shrimpsfarmen in Europa und wurden in ihrer Annahme bestärkt, dass auch in der Schweiz eine Indoor-Shrimpsfarm gebaut werden könnte.

Am 2. März 2013 wurde die SwissShrimp AG gegründet. Ein Kommunikationspaket mit Business­plan interessierte über 100 Investoren. Diese waren bereit, die Idee zu unterstützen, falls die technische Machbarkeit erwiesen und die anvisierten Kundensegmente bereit wären, für den Mehrwert zu bezahlen. Das Team musste also in 9 Monaten eine Pilotanlage für die Aufzucht von Shrimps bauen und danach durch Degustationen den Detailhandel sowie aus­gewählte Restaurants vom Mehrwert überzeugen. Luterbach, Wohnort von Thomas Tschirren, wurde dafür als Standort ausgewählt.

Der Durchbruch
Die vier wurden jetzt zur Leitung, zum Planungsteam, zu Arbeitern, zum 24h-Notfalldienst. Alle Positionen eines Unternehmens durften beziehungsweise mussten sie ausüben und auch beherrschen. Die Pilotanlage bot alle Möglichkeiten, um sich mit allen Problemen auseinanderzusetzen.

Das begann bereits beim Einfüllen des Aufzuchtbeckens, als dieses an mehreren Stellen undicht war, und endete mit einem Stromausfall, der kurz vor dem Ende der Pilotphase, zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt passierte. Rafael Waber beschrieb diesen Moment wie folgt: «Das dauernde Festhalten der ­Pilotierungserkenntnisse sowie der konstruktive und schonungslose Dialog zwischen Technik und Finanzen entwickelten eine unerschütterliche Zuversicht für das ganze Vorhaben. Gleichzeitig waren wir auch an unsere Belastungsgrenze gekommen. Ein Ereignis, das die Fertigstellung der Pilotierung verhindert hätte, wäre wohl das Ende gewesen. Wir hatten weder die Kraft noch die finanziellen Mittel, um innerhalb von weiteren 6 Monaten eine komplette Aufzucht durchzuführen. Auch unsere Angehörigen und Freunde hatten keine Energie mehr, uns zu unterstützen.»

Doch die Pilotierung konnte abgeschlossen werden. Die Shrimps waren wie gewünscht daumendick und kugelschreiberlang. An der Degustation überzeugten nicht nur die richtige Grösse und der frische Geschmack, sondern auch die Konsistenz und Struktur des Fleisches. Ein kulinarisches Erlebnis, als läge die Schweiz gleich neben Thailand.

Die Vertreter des Detailhandels und der Restaurants sowie die Investoren waren überzeugt und bereit, für dieses Erlebnis auch den angemessenen Preis zu bezahlen. Damit kam der Durchbruch genau zum richtigen Zeitpunkt.

Aufbruch zu neuen Ufern
Urs Hofmeier, CEO Schweizer Salinen, hatte in einem Bericht der NZZ gelesen, dass die SwissShrimp AG einen Standort sucht, an dem Abwärme im Überschuss vorhanden ist. Die Schweizer Salinen hatten solche Energie und sie waren auf der Suche nach einem geeigneten Abnehmer. Urs Hofmeier und Rafael Waber trafen sich am runden Tisch und erkannten die Win-win-Situation. Die Schweizer Salinen bauten auf ihrem Gelände im Industriegebiet der Stadt Rheinfelden die entsprechende Fabrikhalle und vermieteten diese umgehend an die SwissShrimp AG.

Die erfolgreiche Pilotphase und die gewonnenen Erkenntnisse erlaubten dem Team, die neue Fabrikhalle einzurichten. Auf 5000 m2 entstehen auf 2 Ebenen 16 Aufzuchtbecken, wobei 8 bereits in Betrieb sind. Ab April 2018 wurden die Becken nacheinander mit Postlarven besetzt und diese zu Shrimps aufgezogen. Dem Verkaufsstart im März 2019 scheint nichts mehr im Wege zu stehen.

 

Die Degustation am Ende der Pilotphase.