Seniorin 2019 | 1

Gesundheit Schweiz: Innovation hat ihren Preis

Welche Innovationen sind nötig, möglich, auch realisierbar? Die Frage ist aus dem Blickwinkel der sozialen Krankenversicherung eigentlich einfach zu beantworten. Doch was sind Innovationen und wie lässt sich die Wirksamkeit von Methoden nachweisen?

Artikel 32 Absatz 1 des eidgenössischen Krankenversicherungsgesetzes (KVG) schreibt vor, dass nur Leistungen bezahlt werden dürfen, die wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind. Die Wirksamkeit muss dabei nach wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen werden. So viel so gut. Doch wenn es um die Beurteilung einzelner Massnahmen geht, ist das nicht so eindeutig. Es beginnt mit den Begrifflichkeiten. Was heisst «Innovation»? Sind Dienstleistungs-/Produkt-Innovationen gemeint oder auch Prozess-, Organisations- oder Marketing-Innovationen? Oft lassen sich Innovations-Dimensionen nicht scharf abgrenzen. Ist beispielsweise eine Gesundheits-App als Medizinprodukt, Prozess- oder Marketing-Innovation zu beurteilen?

Dann stellt sich die Frage, wie die Wirksamkeit nach wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen werden kann. Dabei lassen sich zwei Extremsituationen feststellen: Einerseits schaffen es echte Neuerungen mit nachgewiesenem Zusatznutzen teilweise (zu) spät in die soziale Krankenversicherung. Andererseits verbreiten sich Analogpräparate mit bescheidenem Zusatznutzen (umgangssprachlich auch Schein-Innovationen) (zu) schnell in der Versorgung. Die Versorgungsforschung, die einen Lösungsbeitrag leisten sollte, ist in der Schweiz (und auch in anderen Ländern) unterentwickelt. Der Nachweis für zielgerichtetere Verfahren, gerade auch bei geringeren Patientenzahlen, wird anspruchsvoller. Der Gesetzgeber hat daher für seltene Erkrankungen zu Recht einige Korrekturen angebracht. Dies ist allerdings mit der unerwünschten Nebenwirkung verbunden, dass, relativ betrachtet, das Interesse für Innovationen bei chronischen Krankheiten abnimmt, weil die Verfahren dort zu Recht strenger sind. Trotzdem gehören auch diese Verfahren auf den Prüfstand. Denn (zu) oft werden hier Studien mit ansonsten relativ gesunden Patienten durchgeführt. In einer älter werdenden Gesellschaft entspricht dies nicht der Realität. Mehrfacherkrankungen, täglicher Einnahme von mehreren Medikamenten und damit auch dem erhöhten Risiko möglicher Interaktionen sollte vermehrte Beachtung geschenkt werden.

Wie wenn dies noch nicht genug wäre, gilt es eine weitere Hürde zu nehmen: die Durchsetzung sozialversicherungsrechtlicher Prinzipien im politischen Prozess. Dies ist in einer direkten Demokratie besonders wichtig. Urgedanke von Sozialversicherungen ist, dass die Solidargemeinschaft jene Lasten gemeinsam schultert, die der Einzelne nicht selbst tragen kann. Je grösser das Risiko, desto mehr spricht daher in der Regel für die Übernahme durch die soziale Krankenversicherung. Der politische Entscheidungsprozess kann umgekehrt funktionieren: Was viele gerne mögen, selbst wenn es über weite Strecken kaum oder gar keine Wirksamkeit entfaltet (wie z.B. grosse Teile der Komplementärmedizin), wird über den Druck einer Volksinitiative in die soziale Krankenversicherung katapultiert. Dafür diskutiert man, ob innovative Krebstherapien noch bezahlt werden sollen. Dies ist politisch einfacher, weil es gerade bei selteneren Krebsarten wenige Personen betrifft. Ausser Acht gelassen wird dabei, dass die Entwicklung neuer Krebsmedikamente im Zeitverlauf eine Erfolgsgeschichte ist. In vielen (aber immer noch in zu wenigen) Fällen ist Krebs heute kein Todesurteil mehr. Es stellt sich vermehrt die Frage, wie wir mit Krebs als chronischer Krankheit umgehen. Analoge Erfolgsgeschichten gibt es für die HIV-Infektion: Viele kleinere Innovationen haben im Zeitverlauf dazu geführt, dass Betroffene heute bei erfolgreicher Therapie wieder voll im Leben stehen und nicht mehr an AIDS sterben. Und im Fall von Hepatitis C sind unlängst bahnbrechende innovative Lösungen zugelassen worden.

Wir werden nicht darum herumkommen, auch in Zukunft für echte Innovationen einen Preis zu bezahlen. Dass dabei im Rahmen einer sozialen Krankenversicherung auch über den Preis geredet werden muss, ist richtig. Dies sollte aber nicht mit dem Umstand verwechselt werden, echte Innovationen weiterhin in der Grundversicherung zuzulassen. Kommen diese nämlich nicht dort an, kämen sie auch nicht in der Fläche an.


Willy Oggier(Dr. oec. HSG) hat an der Hochschule St. Gallen Volkswirtschaftslehre studiert und auf diesem Gebiet auch doktoriert. Nach einigen Jahren Tätigkeit an der Hochschule St. Gallen hat er sich 1996 selbstständig gemacht. Er ist Inhaber der Firma Willy Oggier Gesundheitsökonomische Beratungen AG und gehört heute zu den führenden Gesundheitsökonomen der Schweiz.