Seniorin 2019 | 1

«Man muss gerne kommen und gerne gehen»

Die Theaterregisseurin und künstlerische Leiterin Barbara Frey leitet seit zehn Jahren erfolgreich das Zürcher Schauspielhaus. Ende Spielsaison 2018/19 verlässt sie das Haus, um eine neue Herausforderung im Ausland anzunehmen. Seniorin sprach mit der Regisseurin.
Vor ihrer Intendantenzeit in Zürich hat die in Basel geborene und aufgewachsene Barbara Frey (55) an den meisten grossen deutschen Bühnen inszeniert. Ans Theater ging sie zuerst als Musikerin, erst danach wurde sie Regisseurin. In Zürich hat sie in den zehn Jahren in über 20 Inszenierungen Regie geführt, darunter in Stücken von Shakespeare, Schiller, Büchner, Goldoni, Kafka, Robert Walser, Lukas Bärfuss und anderen mehr. Erst kürzlich hat sie erfolgreich «Hamlet» inszeniert. 2016 wurde sie mit dem Schweizer Theaterpreis ausgezeichnet.
«Wir haben immer aktuelles Theater gemacht»
 

Linus Baur: Nach zehn Jahren verlassen Sie als Intendantin das Schauspielhaus Zürich. Geschieht das eher mit einem weinenden oder einem lachenden Auge?

Barbara Frey: Beruflich gesehen, gehe ich mit einem lachenden Auge, natürlich, denn man muss gerne kommen und gerne gehen. Das hat schon meine Grossmutter gesagt. Zwischenmenschlich gesehen, gehe ich mit einem weinenden Auge, denn es ist ein Abschied von Menschen, mit denen ich zehn Jahre lang eng zusammengearbeitet habe. Das ist emotional anspruchsvoll, aber nicht nur für mich.

Es seien «zehn Jahre der Inhalte, der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und der neuen Ernsthaftigkeit gewesen», schreibt die NZZ. Wie sehen Sie das Jahrzehnt an der Zürcher Spielstätte?

Dass es zehn Jahre der Inhalte gewesen sind, ist selbstverständlich, und Ernsthaftigkeit muss man von den Theaterleuten verlangen können. Jenseits vom Genre – auch die Komödie ist ein ernsthaftes Genre – trifft die Ernsthaftigkeit durchaus zu, denn wir haben in den letzten zehn Jahren intensiv, leidenschaftlich und mit viel Durchhaltewillen gearbeitet. Inhaltliche Schwerpunkte entstehen meist in der Diskussion mit den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern. Das sind alles Leute, die im Jetzt und Heute leben und Zeitungen ­lesen. Unsere Aufgabe besteht darin,

Theaterstoffe, die bis zu 2500 Jahre zurückliegen, in die Gegenwart zu holen. Und das haben wir gemacht. Auch gesellschaftspolitische Themen wie Entsolidarisierung und die Flüchtlingsproblematik sind in unsere Theaterarbeit eingeflossen. Deshalb kann ich mit gutem Gewissen behaupten, dass wir immer aktuelles Theater gemacht haben.

«Zürich ist eine extrem kontrollierte Stadt»

«Wichtig für meine künstlerische Arbeit ist, dass mich ein Ort provoziert», sagten Sie in einem Interview. Inwieweit hat Zürich Ihre Theaterarbeit beeinflusst?

Zürich hat mich in den zehn Jahren in unterschiedlicher Richtung provoziert. Ich erlebe Zürich als extrem kontrollierte Stadt. Das hat mit Besitzstandswahrung zu tun. Das merkt man, wenn man – wie ich – lange im Ausland oder in anderen Städten der Schweiz gelebt hat. Das Bewahrende findet darin seinen Ausdruck, dass man hier immer wieder von Zahlen spricht. Ich versuche, damit humorvoll umzugehen, was mir aber nicht immer gelingt. Zürich ist eine widersprüchliche Stadt: auf der einen Seite das Idyllische, die Schönheit, das Harmonieselige, auf der anderen Seite das Aggressive. Zürich kennt eine unglaubliche Regulierungswut, was ich als Zeichen des Argwohns sehe und als Ausdruck des neoliberalen Geists der Stadt. Ablesbar ist das bei einer gut gelungenen Premiere beispielsweise am Schlussapplaus, der anfangs oft nur zögerlich ­erfolgt. Man hat Angst vorzupreschen und wartet zuerst die Reaktion der anderen Besucher ab. Hat Sie diese Zurückhaltung in Zürich in Ihrer Arbeit ­beeinträchtigt? Nicht sonderlich. Ich verfüge über genügend Selbstbewusstsein, um mich dieser Herausforderung zu stellen. Ich habe meinen Vertrag zweimal verlängert und meinen Abgang selbst bestimmt.

«Das Theater braucht den Mut zum Wagnis»

Vor Ihrer Intendantenzeit glänzte das Schauspielhaus nicht mit Besucherzahlen. Wie weit ist es Ihnen in den zehn Jahren gelungen, neues Publikum an das Haus zu binden?

Es ist auch meinen beiden Vorgängern Matthias Hartmann und Christoph Marthaler gelungen, neues Publikum zu gewinnen. Wir haben vor allem in der zweiten Phase meiner Intendanz mehr neue junge Leute an das Schauspielhaus binden können. Dazu beigetragen hat sicher das Junge Schauspielhaus unter der Leitung von Petra Fischer, aber auch die eigene Programmierung. Sehr gut angekommen sind in der letzten Zeit bei­spielsweise «Sweatshop – Deadly Fashion» von Sebastian Nübling und «Hamlet» in meiner Regie. Zusätzliche Vermittlungsangebote haben ebenso zur Publikumssteigerung beigetragen. Den Zürchern ist wichtig, dass sie sich willkommen fühlen. Wir konnten auch mehr ältere Menschen für den Theaterbesuch im Schiffbau begeistern. Sichere Besucherprognosen zu erstellen, ist jedoch am Theater ein Ding der Unmöglichkeit. Das Theater braucht den Mut zum Wagnis, zum Risiko, zum Scheitern, um daraus lernen zu können.

Ist das Modell des Stadttheaters ein Auslaufmodell? Besteht in inhaltlicher Hinsicht Reformbedarf, um das Theater in die Zukunft zu führen?

Das Stadttheater ist keineswegs ein Auslaufmodell. Über Jahrhunderte hinweg hat es bewiesen, dass es sehr resistent gegen Angriffe und absolut erneuerungsfähig ist. An unserem Haus arbeiten über 300 Leute in über 70 unterschiedlichen Berufen zusammen. Das macht die Faszination des Schauspielhauses aus. Ich bin fest überzeugt, dass alle unterschiedlichen Theaterformen eine Zukunft haben. Und dass man das Theater immer wieder totsagt, macht es nur noch lebendiger.

Letzte Frage: Können Sie uns verraten, was Sie nach Zürich machen werden?

Mit ziemlicher Sicherheit werde ich ins Ausland ziehen. Darüber hinaus gibt es ja am Theater den Grundsatz, dass man über «ungelegte Eier» nicht spricht.