Seniorin 2019 | 1

Pflege zwischen Ökonomie und Würde

Zehntausende Angehörige pflegen in der Schweiz Familienmitglieder. Ohne diese Gratisleistungen würden die Gesundheitskosten noch stärker steigen. Oft können ältere, kranke oder behinderte Menschen nur dank dieser Unterstützung weiterhin zu Hause wohnen.

Pflege zwischen Ökonomie und Würde Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da diese Unterstützung und die ambulante Pflege zu Hause nicht mehr reichen. Was dann? Zwei Drittel der pflegenden Angehörigen sind weiblich. So pflegt und betreut auch Frau S.* (Name und Krankheitsbilder sind anonymisiert) ihren Mann seit rund 8 Jahren liebevoll, manchmal rund um die Uhr. Zu einer langjährigen chronischen Krankheit mit etlichen Nebendiagnosen gesellte sich in den letzten Jahren zusätzlich eine Altersdemenz. Frau S. kommt bei dieser belastenden und anstrengenden Arbeit mehr und mehr an ihre Grenzen. Nebst körperlichen Symptomen leidet sie auch an sozialer Vereinsamung, Kontakte in der Nachbarschaft und im Dorf werden immer schwieriger. Ihre Kinder wohnen im Ausland und in der Westschweiz.

Ambulante oder stationäre Pflege
Für das Ehepaar S. stellt sich je länger, desto mehr die Frage, reicht die heutige nur stundenweise ambulante Pflege durch die Spitex oder braucht Herr S. nicht stationäre Pflege und Betreuung in einem Heim? Dies umso mehr, als Frau S. dringend mehr Entlastung benötigt. Wie bei vielen Menschen besteht jedoch auch beim Ehepaar S. der Wunsch, möglichst lange gemeinsam in den eigenen vier Wänden leben zu dürfen. Herr S. kommt schlecht mit Veränderungen zugange. Ein Heimaufenthalt kommt zudem in der Schweiz teuer zu stehen.

Finanzierungsdschungel 
Kostenvergleiche anzustellen, ist in der Schweiz nicht einfach. Die Tariflandschaft präsentiert sich uneinheitlich, intransparent und unübersichtlich. Heimkosten variieren sogar innerhalb eines Kantons enorm. Nicht umsonst empfiehlt der Preisüberwacher eine schweizweit einheitliche Methode zur Kostenermittlung bei den Alters- und Pflegeheimen. Es soll ein einziger, nationaler Rechnungslegungsstandard etabliert werden. Welches ist nun für das Ehepaar S. das richtige Pflege- und Betreuungsmodell? Die Wahl darf keinesfalls nur auf die Kostenfrage reduziert werden. Das Wohl und die Würde der Betroffenen und deren soziales Umfeld sind zu berücksichtigen. Aus rein ökonomischer Sicht besteht oftmals ein Widerspruch, deshalb braucht es zwingend eine gesamtheitliche Betrachtung und Finanzierung für die ganze Schweiz. Die Kosten im Pflegeheim setzen sich zusammen aus Kosten für Pflege, Pension und Betreuung.

Pflegekosten
Krankenversicherung: Pro 20 Minuten Pflegezeit CHF 9.00 pro Pflegestufe, jedoch max. CHF 108.00/Tag ab der höchsten Stufe 12. Tarif wird vom Bundesrat festgelegt und der Leistungsumfang ist im Krankenversicherungsgesetz (KVG) festgehalten. Heimbewohner/-innen: Abgestuft gemäss Pflegestufe/kantonal unterschiedlich, jedoch max. CHF 21.60/Tag Öffentliche Hand: Gesetzliche Verpflichtung zur Sicherstellung der Restkosten aus den Pflegekosten (Gemeinden und/oder Kanton)

Pensionskosten
Die Pensionskosten (Hotellerie) sind sehr individuell und von der Struktur und dem Standard der Pflegeheime abhängig. Sie sind durch die pflegebedürftige Person zu bestreiten. Rund 40 % der pflegebedürftigen Personen können diese aus eigener Kraft (AHV- und BVG-Rente, übrige Einkommen, Vermögensverzehr) finanzieren. Rund 60 % sind auf Hilfe durch Ergänzungsleistungen (EL) angewiesen.

Ergänzungsleistungen (EL) 
Dafür kann bei der Gemeinde-Zweigstelle der AHV- Ausgleichskasse in der Wohngemeinde ein Gesuch eingereicht werden. Sie sind ein rechtlicher Anspruch und keine Fürsorge oder Sozialhilfe. Zusammen mit der AHV und der IV gehören die EL zum sozialen Fundament unseres Staates. Je nach Schweregrad der Pflegebedürftigkeit entsteht zudem unabhängig von der Einkommenssituation ein Anspruch auf Hilflosenentschädigung.

Betreuungskosten 
Betreuungskosten fallen an für nicht KVG-pflichtige Pflege- und Betreuungsleistungen. Auch diese Leistungen können gemäss Faktenblatt der Curaviva von rund 40 % der pflegebedürftigen Personen aus eigener Kraft finanziert werden. 60 % sind zusätzlich auf Ergänzungsleistungen angewiesen.

Neue Wohn- und Pflegemodelle
Im Zuge der allgemeinen Alterung der Bevölkerung finden tiefgreifende Veränderungen in der Art der Versorgung älterer Menschen mit Pflege- und Betreuungsbedarf statt. Während die Anzahl Betreuungsplätze in Alters- und Pflegeheimen in den letzten Jahren nicht so schnell gewachsen ist wie die ältere Bevölkerung, nehmen andere Betreuungsformen ausserhalb von Institutionen, beispielsweise die Pflege zu Hause oder verschiedene Übergangsunterkünfte, stetig zu. Eine Studie zur Abschätzung der Kostenwirkung des Wohn- und Pflegemodells 2030 von Curaviva Schweiz zeigt auf, dass mit neuen Wohnformen generell Kosten eingespart werden könnten. Dieses Modell geht nicht von Pflegeinstitutionen als die zentrale Infrastruktur aus, sondern von Dienstleistungsanbietern, die den Kunden ein selbstbestimmtes Leben im bevorzugten Wohnumfeld ermöglichen. Integrale Bestandteile dieser Betreuungsumgebung sind eine medizinische Grundversorgung, begleitende Dienstleistungen und Freizeitangebote. Neben die ambulanten und stationären Pflegeformen tritt das betreute Wohnen in dafür geeigneten Appartements. Leider sind diese Wohnmodelle noch vielerorts Zukunftsmusik und auch auf politischer Ebene wird die Sicherstellung der Finanzierung von Betreuungsleistungen immer wieder schubladisiert oder gar abgelehnt, einmal mehr geht eine Gesamtsicht verloren.

Ein würdevoller vierter Lebensabschnitt
Zurück nun zum Ehepaar S., dessen Situation sich inzwischen gravierend verändert hat. Frau S. musste nach einem Sturz mit einer Oberschenkelhalsfraktur hospitalisiert werden. Schnelles Handeln war notwendig, dabei leistete die Spitex wertvolle Unterstützung bei der Suche nach einem Ferienbett für Herrn S. im nahegelegenen Pflegeheim. Dies ist jedoch nur eine kurzfristige Lösung, denn auch nach ihrer Genesung wird Frau S. ihren Ehemann nicht mehr im notwendigen Umfang zu Hause pflegen und betreuen können. Ist nun ein gemeinsamer Eintritt in ein Pflegeheim sinnvoll, oder gibt es Alternativen? Im strengen Sinne von ambulant vor stationär (= keine Eintritte in ein Pflegeheim mit geringem Pflegebedarf) müsste Frau S. bis zu ihrer Rekonvaleszenz die ambulante Pflege der Spitex in Anspruch nehmen und zu Hause wohnen bleiben. Für Herrn S. dagegen wird eine stationäre Pflege im Heim unumgänglich sein. Eine schmerzhafte Trennung wäre die Folge, so ist zu hoffen, dass für das Ehepaar S. eine würdevolle Lösung gefunden werden kann und nicht ökonomische Aspekte überwiegen.