Seniorin 2019 | 1

Schweizer Pioniere: Die unbekannte Mina Hofstetter

Über Schweizer Pioniere, die bedeutende Leistungen erbracht haben, lassen wir uns gern informieren. Dass es auch einige Frauen gab, ist weniger bekannt. Die Bäuerin Mina Hofstetter aus Ebmatingen, geboren 1883, hat sich für eine gesündere Ernährung und eine moderne Lebensführung eingesetzt.

Die Zahl der Veganerinnen und Veganer nimmt laufend zu. Viele besinnen sich darauf, dem Körper nur wertvollste Nährstoffe zuzuführen – Fleisch, Fett und Zucker sind verpönt. Die Debatte über den Menschen und die Natur ist spannend und wird global geführt. Heute, im Zeitalter der Social Media, ist das eine Selbstverständlichkeit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, also zu Lebzeiten Mina Hofstetters, wurden reformerische Ideen noch mit Skepsis und Misstrauen betrachtet. Tradition zählte. Pioniere – und erst recht Frauen mit Pioniergeist – hatten es nicht leicht.

Sonne, Luft und naturnahes Getreide
Mina Hofstetter war eine engagierte Einzelkämpferin. Eines ihrer Hauptziele war die Landwirtschaft ohne Vieh und der Anbau von Getreide ohne Dünger aus dem Stall. Viele Jahre lang widmete sie sich der Forschung zu diesem Thema und verfügte über gute Kontakte zu Fachleuten und Gleichgesinnten. Ihren ersten Text über Erkenntnisse publizierte sie bereits im Jahr 1924. Bäuerinnen und Organisationen, die sich mit Fragen der Lebensreformbewegung beschäftigten, waren zahlreich in der Schweiz und in anderen Ländern. Die Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) im Jahr 1928 in Bern war für die Pionierinnen eine willkommene Gelegenheit, ihre Anliegen bekannt zu machen. Der Bauernhof Stuhlen bei Ebmatingen, wo Mina Hofstetter ihre Anbau-Experimente mit Getreide durchführte, wurde bald zum Ziel eines interessierten Publikums. Stadtmenschen kamen und genossen die von ihr angebotenen Erholungsferien mit Sonnenbädern und Frischluft-Therapien – und natürlich einfacher (wir würden heute sagen: veganer) Ernährung.

Ein Leben für Mensch und Natur
Schon ihre Kindheit und Jugend waren geprägt von der Freude an der Natur. Der Vater war Küfer und Fischer, die Familie betrieb – was damals üblich war – im Nebenerwerb Gemüse- und Getreideanbau. «Meine schönsten Stunden, in denen ich mich am wohlsten fühlte, waren auf dem Feld. Von meiner Grossmutter lernte ich alle Feldarbeiten», schreibt sie in ihren Erinnerungen. Zusammen mit ihrem Ehemann Werner Hofstetter lebte sie über 50 Jahre auf dem Hof Stuhlen.

Die Gesundheit siegt 
Man darf nicht vergessen, dass Bauernfamilien während der Kriegsjahre durch den Aktivdienst der Männer erheblich in der Produktion eingeschränkt waren. Zusammen mit dem jüngsten Sohn Werner bot Mina Hofstetter auf dem Hof Stuhlen Praktika und Kurse für Interessierte an und vernetzte sich mit der damaligen Fachwelt. Moderne Produkte wie Graham- und Vollkornbrot sowie Teigwaren aus Vollkornmehl wurden bekannt und entsprechend beliebt. Sie belieferte das berühmte Sanatorium von Maximilian Bircher-Benner. Der Durchbruch war geschafft. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, musste hart erkämpft werden; wir sollten Mina Hofstetter und den Reformerinnen und Reformern dankbar sein.