Seniorin 2019 | 2

Der flinke, kleine Vogel rollt auf vier Rädern

Sie fallen auf, die Kleinbusse mit einem stilisierten roten Vogel auf hellblauem Grund. Seit Mitte Oktober 2018 verkehren sie in der Region Brugg und sind Sinnbild für ein neues Mobilitätsangebot, das hier während eines Jahres getestet wird. Der Dienst ist auch für Senioren interessant.

Die Seniorin Erika Berger wohnt in Windisch und ist eine mobile Zeitgenossin. Für ihre Fahrten nutzt sie das Auto und ist als GA-Besitzerin auch mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs. Nun hat sie Kollibri als weiteres Mobilitätsangebot entdeckt. Der Tür-zu-Tür-Service, den es seit Oktober 2018 in der Region Brugg gibt, kam ihr wie gerufen, hat sie doch momentan ein bisschen Mühe mit dem Gehen. Dank Kollibri bleibt ihr der Gang zur Haltestelle des Postautos erspart, das sie sonst oft nutzt. Erika Berger kann den Kleinbus von Kollibri bequem via eine App auf dem Smartphone buchen. Sie schätzt daran, dass diese Buchung schon länger im Voraus möglich ist. Dabei kann Erika Berger angeben, wann sie am Ziel ankommen will, und erhält ebenfalls auf der App eine Bestätigung. Sie nutzte Kollibri bereits für eine Fahrt zu einem Kurs am Vereinsweg, wo keine Parkplätze vorhanden sind, sowie für eine Fahrt zum Bahnhof, von wo es mit dem Car weiter ging. Der Kleinbus von Kollibri holte Erika Berger zu Hause ab und brachte sie zum Car-Parkplatz, damit war auch das Koffertragen kein Problem.

Gemeinsam von Tür zu Tür
Der Name «Kollibri» steht für den flinken, kleinen Vogel, der von Blüte zu Blüte fliegt. Der Kleinbus von Kollibri bringt die Fahrgäste von Tür zu Tür. Zugleich verweist die Bezeichnung auf den Kollektivgedanken, der bei Kollibri ein wichtiges Element ist: Der Bus nimmt mehrere Fahrgäste mit, wenn sie zeitgleich auf einer ähnlichen Route unterwegs sind.

Das Mobilitätsangebot, das in der Region Brugg getestet wird, ist zwischen Taxidienst und öffentlichem Verkehr angesiedelt. Wie bei einem Taxi gibt es keine festen Routen und Fahrpläne. Die Fahrgäste werden an der Haustür abgeholt und geniessen einen persönlichen Service. Zugleich können mehrere Personen gemeinsam unterwegs sein, was dem Wesen des öffentlichen Verkehrs entspricht. Schliesslich bewegen sich auch die Tarife zwischen Taxi und öffentlichem Verkehr.

Mit einer App auf dem Smartphone können Kundinnen und Kunden einen Kleinbus bestellen, der sie am gewünschten Ort in einem definierten Perimeter abholt und sie an einem anderen gewünschten Ort absetzt. Es gibt Bedienzeiten, aber keinen festen Fahrplan. Via App definieren die Fahrgäste Start und Ziel sowie den Zeitraum der Fahrt. Die Bezahlung wickeln die Kunden ebenfalls via Smartphone ab.

Die Digitalisierung ermöglicht vieles
Hinter Kollibri steht PostAuto. Das Transportunternehmen führt den einjährigen Test gemeinsam mit den Partnern Amag und SBB sowie mit lokalen Taxibetreibern der Region Brugg durch. Die am Projekt beteiligten Partner sind überzeugt, dass sich die Mobilität in den nächsten Jahren verändern wird. Auch in weiterer Zukunft wird es öffentliche Verkehrsmittel mit einem fixen Fahrplan und Liniennetz geben, die viele Fahrgäste auf einmal transportieren können. Daneben dürften sich aber flexiblere Systeme entwickeln, die kurzfristig nutzbar sind und ohne Fahrplanvorgaben und fixe Routen funktionieren. Diese Entwicklung ist dank der Digitalisierung möglich. Sie erlaubt es, die Mobilität genauer und effizienter zu lenken. Damit können Fahrzeuge besser ausgelastet und bedarfsgerechter eingesetzt werden. Die Tür-zu-Tür-Fahrdienste sind ein Beispiel für die Annäherung von Elementen des privaten und des öffentlichen Verkehrs.

Region Brugg ist ideal
Bei der Suche eines Gebietes für den einjährigen Test fiel die Wahl auf die Region Brugg, weil sie eine Reihe guter Rahmenbedingungen aufweist. Dazu gehören die Bevölkerungszahl im Einzugsgebiet (Anzahl möglicher Kunden), eine gewisse Grösse des Zentrums sowie ein ÖV-Netz, das auf gewissen Strecken oder zu bestimmten Zeiten nicht für alle Kunden optimal ist.

Die Erfahrungen aus den ersten Monaten mit dem neuen Mobilitätsangebot sind sehr erfreulich. Der Betrieb funktioniert nahezu perfekt. Inzwischen haben über 5 000 Personen die App auf ihrem Smartphone installiert, und im Durchschnitt unternehmen täglich etwa 30 Personen eine Fahrt mit einem Kleinbus von Kollibri.

Die Verantwortlichen nutzen die einjährige Laufzeit bewusst, um den Betrieb unter unterschiedlichen Voraussetzungen zu testen und die Kundenbedürfnisse herauszufinden. «Wie kommen die Fahrgäste mit der App zurecht, sind sie zufrieden mit der Pünktlichkeit der Fahrzeuge und wie akzeptieren sie die Tarife für den Mobilitätsdienst?», sind mögliche Fragen.

Bis anhin wurde Kollibri vor allem als Fahrgelegenheit in der Freizeit oder im Ausgang genutzt, deshalb finden die meisten Fahrten am Nachmittag oder Abend statt. Bei Kollibri wünscht man sich mehr Kundinnen und Kunden, die auch tagsüber oder auf dem Weg zur Arbeit mit Kollibri fahren. Zudem kann die Quote von Fahrten, die gebündelt werden, wenn mehrere Kunden auf einer ähnlichen Strecke unterwegs sind, noch erhöht werden. Für künftige Einsätze von Kollibris prüft man Möglichkeiten, um den Dienst auch Personen anzubieten, die das Angebot nicht via App bestellen oder bezahlen wollen. Nebst den erfreulich hohen Nutzerzahlen und einem gut funktionierenden Pilotbetrieb ist das Wichtigste jedoch die Kundenzufriedenheit: Gemäss der jüngsten Umfrage, an der über 200 Nutzer teilgenommen haben, gehören über 75% zur Kategorie «begeisterte Kunden» und 20% zur Kategorie «zufriedene Kunden».

Die Erkenntnisse für die Zukunft nutzen
Im Vorfeld des Tests in der Region Brugg gab es vereinzelt Kritik, dass das Mobilitätsangebot Kollibri direkte Konkurrenz zu Taxianbietern sei. Beim Pilotprojekt in Brugg ist man deshalb bewusst eine Kooperation mit örtlichen Taxiunternehmen eingegangen. Kollibri profitiert von den Erfahrungen der beiden involvierten Taxibetriebe, deren Fahrer beispielsweise sehr ortskundig sind. Zugleich machen die Taxiunternehmer ihrerseits Erfahrungen in Bezug auf Mobilitätsformen, die auf uns zukommen könnten. Denn nicht erst seit der Konkurrenz durch UBER haben auch Taxibetreiber festgestellt, dass sich die ganze Branche im Wandel befindet.

Bei PostAuto nutzt man die Erfahrungen aus Brugg, um das Angebot hinsichtlich möglicher Einsätze in anderen Regionen zu optimieren. Derzeit ist Kollibri als Angebot für den Kanton Nidwalden im Gespräch und offen ist auch, wie es nach Abschluss des Tests in der Region Brugg weitergeht. Sicher ist jetzt schon: Die flinken Kollibri-Fahrzeuge gehören für viele Einwohner der Region Brugg bereits zum gewohnten Strassenbild und sind ein geschätztes Mobilitätsangebot.


 Ein Angebot auch für Senioren?
«Wir sind überzeugt, dass Kollibri ein massgeschneidertes Angebot für Senioren ist», sagt Mirco Mäder (Bild links), Leiter des Projekts in Brugg. Denn viele Menschen schränken mit zunehmendem Alter ihren Aktionsradius ein, weil geeignete Transportmittel fehlen. Kollibri bietet Vorzüge, die beim klassischen öffentlichen Verkehr (noch) fehlen: Der Kleinbus transportiert die Kunden von Tür zu Tür, damit entfällt der Weg zu einer Haltestelle oder zum Bahnhof. Ältere Menschen könnten das Mobilitätsangebot deshalb auch für die täglichen Einkäufe nutzen und müssten ihre Taschen nicht mehr weit tragen. Dank der überschaubaren Grösse des Fahrzeugs ist die Betreuung der Fahrgäste sehr individuell. «Die Fahrer können sich um ihre Kundinnen und Kunden kümmern. Sie fahren erst ab, wenn alle Kunden auf ihren Sitzen Platz genommen haben», erklärt Mäder einen weiteren Vorzug von Kollibri für Senioren. Mit dem Seniorenrat Brugg und «rundum mobil» zusammen gab es eine erste Schulung für interessierte ältere Menschen. Mitarbeitende von Kollibri erklärten das System und die Funktionsweise der App. Die Veranstaltung und das -Angebot von Kollibri wurden von den Teilnehmenden sehr geschätzt. Details: www.kollibri.ch; die App gibt es sowohl im «App Store» wie auch im «Google Play Store».