Seniorin 2019 | 2

Ein Staatsmann im Kreuzfeuer der Kritik

Vor gut einem Jahr ist der Zürcher alt Regierungsrat Alfred Gilgen im Alter von 87 Jahren gestorben. Jetzt ist unter dem Titel «Alfred Gilgen – Zürcher Staatsdenker der Zweiten Moderne» ein Buch von Rainer Schaad erschienen, das das Leben und Wirken Gilgens nachzeichnet.

Alfred Gilgen war ein gradliniger Magistrat alter Schule, der sich unzimperlich gegen die Verpolitisierung der Uni wehrte und sich damit viele Feinde schaffte. Während der Jugendunruhen Anfang der 1980er-Jahre wurde er als «Linkenfresser» verschrien. Bekannt war der Zürcher Magistrat vorab für seine glasklaren Analysen, brillanten Reden und seinen zynischen Humor. Souverän waren seine Voten im Kantonsrat, wenn er allseitige Angriffe parierte. Er galt als beharrlicher Schaffer, der unbeeindruckt von Anfeindungen seine Linie verfolgte. Legendär ist seine Geschichte, als er sich eine Langhaarperücke aufsetzte und sich in den Unruhejahren unerkannt unter Demonstranten mischte.

Rainer Schaad nennt Gilgen in seinem Buch einen «Staatsdenker der Zweiten Moderne». Er bezeichnet ihn als «konsequenten Verfechter der demokratischen Grundlagen unseres Staates» in Zeiten der Globalisierung und ideologischer Auseinandersetzungen. Kaum ein Politiker sei durch seine Gradlinigkeit paradoxerweise so vielen Kontroversen ausgesetzt gewesen wie Gilgen, schreibt Schaad. Für heftige Kontroversen sorgte seine Verweigerung von Kulturpreisen, etwa an den Kabarettisten Franz Hohler oder den Filmemacher Alexander J. Seiler. Wie alt Bundesrat Moritz Leuenberger in seinem Geleitwort zum Buch festhält, vertrat Gilgen im Fall Hohler loyal den Beschluss des Gesamtregierungsrates, er selbst wurde überstimmt.

Modernisierer der Volksschule
Gilgen gehörte von 1971 bis 1995 dem Zürcher Regierungsrat an. 24 Jahre lang stand er dem Erziehungswesen (heute Bildungsdirektion) vor. Seine politische Heimat war der Landesring der Unabhängigen (LdU), von dem er sich später distanzierte. Zuletzt sass er als Parteiloser im Regierungsrat. Gilgen gilt als Modernisierer der Zürcher Volksschule (Einführung des Französischunterrichts an der Primarschule, Versuche mit der gegliederten Sekundarschule, Einführung der Fünftagewoche an der Volksschule, Verkürzung der Mittelschuldauer). Massgeblich war er an der Teilverlegung der Uni auf den Milchbuck und an der Kantonalisierung des Opernhauses beteiligt.

Chronologisch zeichnet Schaad in seinem Buch den bewegten Lebenslauf von Gilgen nach, seine Familie, seine jungen Jahre, seine politische Laufbahn, sein Wirken als Magistrat, seine militärische Karriere und sein zurückgezogenes Leben in Pension. Er zitiert viele Zeitgenossen, die das Wirken Gilgens hautnah miterlebt haben und mit etlichen heiteren Gegebenheiten aufwarten. Das Buch vermittelt das Porträt eines zielstrebigen, souveränen Staatsmannes, der sich mehrfach in der Öffentlichkeit exponierte und im Kreuzfeuer der Kritik stand.

Rainer Schaad, Alfred Gilgen Zürcher Staatsdenker der Zweiten Moderne
Th. Gut Verlag,
ISBN 978-3-85717-278-6