Seniorin 2019 | 2

Mobilität braucht Infrastruktur und Raum

Mobilität ist etwas Wunderbares. Der Mensch ist mobil, seit er aufrecht gehen kann. Er war und ist aber auch kreativ oder – wie man es modernerweise sagt – innovativ. Menschen, Mobilität und Innovation bilden ein Dreigestirn, das sich nicht auseinanderdividieren lässt.

Machen wir ein kleines Gedankenspiel: Wie weit kommt der Mensch in einer Stunde? Zu Fuss, das weiss jeder Wanderer, rechnet man im Schnitt 4,8 km. Das war während Jahrtausenden das Mass aller Dinge, es sei denn, jemand sei gerannt wie jener Meldeläufer von Marathon nach Athen, um den Sieg über die Perser zu verkünden. Er hat aber – wie die Sage berichtet – am Ende sein Leben verloren.

Die erste grosse Innovation war die Erfindung des Rades. Jetzt kam man dank der Energie desjenigen, der den Karren zog, schon viel schneller und kräfteschonender vorwärts. In Europa etablierte sich ein ganzes Netz von Postkutschen-Verkehren. Ein im Gotthard-Museum auf der Passhöhe aufbewahrtes Dokument zeigt in der Form einer schematischen Darstellung die täglichen Abfahrts- und Ankunftszeiten der damals verkehrenden Postkutschen, fast so, wie es die Fahrplantechniker heute mit ihren Netzgrafiken machen.

Danach kam Stephenson mit der Erfindung der Dampf-Eisenbahn auf Schienen. Die Zeit der Postkutschen, wie sie uns Rudolf Koller in seinem Gemälde der Gotthardpost gezeigt hat, ging zu Ende.

Der Gotthard als Innovationstreiber
Beinahe wäre es der Eisenbahn auch so ergangen. Von zwei Seiten wurde sie bedrängt, mancherorts richtiggehend zur Seite gedrängt. Einmal vom Auto, das uns die individuelle Mobilität brachte, dann von der Luftfahrt, welche frühere Tagesreisen auf eine Flugstunde schrumpfen liess. Zum Glück gab es Eisenbahner, die nicht aufgegeben haben. Als erste haben die Japaner eine Hochgeschwindigkeits-Strecke – den Shinkansen – gebaut. Etwas später kamen die Franzosen mit ihrem TGV und nochmals etwas später – gut Ding will Weile haben – die Schweizer mit der NEAT.

Es gibt kaum ein schöneres Anschauungsbeispiel für Innovation in der Mobilität als die Entwicklung des Gotthard-Überganges. Zuerst war es ein Saumweg (mit Teufels Hilfe für den stiebenden Steg in der Schöllenen-Schlucht begehbar gemacht), danach eine erste Strasse; dann die Gotthard-Eisenbahn, diesmal ohne des Teufels Hilfe gebaut, aber nicht ohne die vorantreibende Energie eines Alfred Escher. Für den Gotthard-Strassentunnel brauchte es einen Parlamentsbeschluss und für den Bau der NEAT, deren politische Vorgeschichte sich über Jahrzehnte hinzog, eine Volksabstimmung. Diese war nicht zu gewinnen ohne die Erfahrung aus dem vorausgegangenen Bahn-2000-Konzept. Es bedurfte wiederum eines Netzbeschlusses, in dem für alle Regionen der Schweiz etwas enthalten war und dem deshalb alle Regionen zustimmen konnten. Positiv gelebter Föderalismus!

Jede Entwicklungsstufe hat sich die technischen Fortschritte ihrer Zeit zunutze gemacht und ihrerseits wieder Innovationen hervorgebracht. Das war und ist auch bei der NEAT der Fall. Die drei Basistunnel am Lötschberg, Gotthard und Ceneri sind Beispiele modernster Technologie und Baukunst SWISSMADE.


Die berühmte Bahn 2000 Bild

Ohne Infrastruktur kein Fortschritt
Was werden uns die nächsten Innovationen in der Mobilität bringen? Überschallgeschwindigkeit, ein Wochenende auf dem Mond, Weltraum-Ausflüge mit Herrn Musk? Wohl auch, aber vorerst nur für wenige. Vielmehr müssen wir uns Gedanken machen zum Energieverbrauch und zum CO2-Ausstoss in die Atmosphäre und zu der damit ausgelösten Beschleunigung der Erderwärmung. Zum Glück ist die Elektromobilität auf dem Vormarsch und wird uns helfen, das Verbrennen von Erdöl langsam abzulösen. Vielleicht kommt der noch klimafreundlichere Wasserstoffantrieb. Etwas später wird auch die Fliegerei auf nachhaltige Energiequellen umstellen. Sensoren, gigantische Datensammlungen und darauf aufgebaute Algorithmen werden die Autofahrer vom Steuern, Aufpassen und Bremsen entbinden.

Doch alle Versprechen der digitalen Revolution setzen unausgesprochen voraus, dass überall und jederzeit die dazu notwendige Infrastruktur vorhanden ist: Strassen, Autobahnen, Velo- und Fusswege, Parkierungsanlagen, Eisenbahnlinien, Bahnhöfe usw. Es ist überhaupt nicht ausgeschlossen, dass trotz eines verbesserten Verkehrsmanagements diese neue Form der Mobilität sogar noch mehr Raum benötigt. Denn wo sollen all die selbstfahrenden Autos warten, wenn die Arbeitnehmer in die Zentren strömen und die Zuhause gebliebenen noch nicht bereit sind für ihre Einkaufstour oder zum Besuch eines Schönheitssalons? Wie geht es auf dem Bahnhofplatz zu, wenn aus einem voll besetzten Zug per Handy unzählige selbstfahrende Autos bestellt werden, um damit die letzte Meile zurückzulegen?

Sorgfältig mit Raum umgehen
Damit sind wir bei der Frage des Raumbedarfes und der Raumnutzung. Wie viel unseres Lebensraumes wollen wir noch bebauen, für immer mehr Wohnraum und immer grössere Verkehrsanlagen. Man wird nicht darum herumkommen, einen Teil unserer Mobilität in den Untergrund zu verlegen, so wie es die grossen Weltstädte schon vor mehr als hundert Jahren machen mussten. Mit dem Projekt CargoSousTerrain wurde in der Schweiz soeben eine innovative Alternative für den Gütertransport lanciert. Die in den Neunzigerjahren vorerst auf Eis gelegte Idee einer SwissMetro wird wieder aufleben und einen neuen und gewaltigen ­Innovationsschub auslösen. Einmal gebaut, wird sie die ganze Schweiz zu einer durchgehenden Metropolitanregion zwischen Genf und dem Bodensee (mit Antennen in den Alpenraum und in den Jura) mit 10 bis 12 Mio. Einwohnern zusammenfassen. Nicht als ölfleckenartig ausufernde Wüste von Einfamilienhäusern, sondern als Städte-System, dessen Zentren in wenigen Minuten untereinander verbunden sind.

Mensch, Mobilität und Innovation
Dieses Dreigestirn wird uns auch in der Zukunft begleiten. Ein zweites Element ebenfalls: Mobilität ist immer auf Infrastrukturen angewiesen. Doch die Nutzung unseres Raumes ist eine öffentliche Angelegenheit. Wir sind also alle aufgefordert, Innovationen mutig zu fördern und ihnen mit offenem Geist entgegenzuschauen, aber gleichzeitig darüber zu wachen, dass sie unsere Lebensqualität verbessern, ohne andernorts Schaden anzurichten.

 Adolf Oggi
Alt Bundesrat Adolf «Dölf» Ogi gehörte der Landesregierung von 1987 bis2000 an und setzte sich massgeblich für den Bau der NEAT ein. Von 2001 bis 2007 war er Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden im Auftrag der UNO. Adolf Ogi lebt heute in der Nähe von Bern und äussert sich immer wieder zum aktuellen Geschehen.