Seniorin 2019 | 2

Nur wer mobil ist, nimmt am sozialen Leben teil

«Die Mobilität ist ein wichtiges Element für die Entwicklung unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Sie ist eine Grundlage für unseren Wohlstand. Ich bin nicht bereit, dass Risiko einzugehen, dass die Aargauer Bevölkerung permanent im Stau steht, nur weil man kurzsichtig längst notwendige Anpassungen der Infrastruktur verschoben und verzögert hat», sagt Thierry Burkhard. Die Fragen stellte Anton Schaller.

Thierry Burkart: Sie sind nicht nur Parlamentarier, sondern auch im Touring Club der Schweiz, dem grössten Mobilitäts-Club der Schweiz, als Vizepräsident, aber auch als Verkehrspolitiker aktiv. Wo setzen Sie Prioritäten in der Schweizer Verkehrspolitik?

Die Mobilität ist im Umbruch. Bevölkerungswachstum, Wirtschaftswachstum, Wohlstand – dies alles kurbelt die Mobilität in der Schweiz an. Neue Mobilitätsformen, wie Elektromobilität oder die neuen fahrzeugähnlichen Geräte, werden die künftige Mobilität prägen. Mobilität ist aber auch soziale Teilhabe. Das ist vor allem für Seniorinnen und Senioren wichtig. Es ist illusorisch, dass Senioren auf die neuen elektrischen Trendgeräte umsteigen oder sich auf Cargo- oder Elektrobikes versuchen. Auf der anderen Seite bietet die Digitalisierung verbunden mit der Automatisierung neue Möglichkeiten auch für Senioren. Verkehrspolitisch müssen wir die Prioritäten auf eine multimodale Verkehrswelt setzen, die eine komfortable und effiziente Mobilität ermöglicht. Das heisst konkret, dass wir unsere Verkehrsinfrastrukturen ausbauen und auf die digitalisierte und automatisierte Mobilität vorbereiten müssen. Zu den Prioritäten gehört aber für mich auch eine sichere und umweltfreundliche Mobilität.

Sie halten in Ihren Äusserungen fest, dass der öffentliche nicht gegen den privaten Verkehr ausgespielt werden darf. Immer wieder aber sind bei einzelnen Projekten Prioritäten zu setzen. Wie entscheiden sie sich im Zweifelsfall für den öffentlichen oder für den privaten Verkehr? Beispielsweise bei der zweiten Gotthard-Röhre?

Die knappen finanziellen Mittel verlangen immer nach Prioritätensetzung. Es ist aber der grosse Vorteil der vor kurzem beschlossenen Verkehrsfinanzierung, dass eben nicht mehr der private gegen den öffentlichen Verkehr ausgespielt werden kann. Beide haben ihre eigene Finanzierung. Es geht in Zukunft mehr darum, welche Projekte in welchen Regionen aus einer Gesamtverkehrssicht zu priorisieren sind. Bei der zweiten Röhre am Gotthard reden wir von einer Verbindung in unseren südlichen Landesteil. Ohne den vom Volk klar befürworteten Bau einer zweiten Röhre würde ein ganzer Landesteil über die gesamte Sanierungszeit von der übrigen Schweiz abgetrennt. Das ist für mich auch eine staatspolitische Frage des nationalen Zusammenhalts. Daneben sollten wir nicht vergessen, dass dies zu einer klaren Verbesserung der Verkehrssicherheit führt. Wir können doch nicht aus Sicherheitsgründen Personenzüge durch richtungsgetrennte Alpentunnels schicken und Automobilisten, Reisecars und Lastwagen nicht.

 Ihre Partei, die FDP, ist in der Frage des Klimaschutzes nicht entschieden. Die Basis will eine etwas grünere Politik, insbesondere auch Petra Gössi, die Parteipräsidentin? Wo stehen Sie?

Es ist richtig, dass wir uns um Umweltpolitik kümmern. Das haben wir schon in der Vergangenheit gemacht. Allerdings müssen wir unser Profil klar schärfen und besser kommunizieren. In Bezug auf CO2 muss die Schweiz die Ziele des Pariser Klimaübereinkommens erfüllen. Zu dieser Verpflichtung und damit zu entsprechenden Massnahmen hat die FDP Ja gesagt. Allerdings müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass es sich beim CO2 um ein globales Phänomen handelt, das die Schweiz nur sehr wenig beeinflussen kann. Wo wir aber einen grossen Handlungsbedarf hätten, ist im Bereich der Biodiversität. Mit lokalen, schweizerischen Massnahmen könnten wir viel bewirken. Die FDP sollte daher im Bereich der Umweltpolitik weniger auf altbekannte CO2-Forderungen von Links-Grün fokussieren, sondern Idee zur Verbesserung der Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren entwickeln.

 Die Elektro-Mobilität ist in aller Munde. Aber auch sie ist nicht über alle Zweifel erhaben. Wird sie den Verbrennungsmotor (Benzin, Diesel angetrieben) ablösen? Und allenfalls wann?

Autos, die wir heute kaufen, dürften ohne Probleme auch noch in 10 Jahren auf unseren Strassen anzutreffen sein. Wir spüren aber schon, dass die Ablösung durch neue Antriebsstränge kurz bevorsteht. Kaum eine Automarke, die nicht schon ein Plug-in Hybrid-Fahrzeug in der Modellpallette mitführt. Aus meiner Sicht werden wir daher noch einige Zeit verschiedene Antriebstechnologien auf unseren Strassen antreffen. Ich gehe aber davon aus, dass sich mittelfristig der elektrische Antriebsstrang über eine Batterie oder über eine Brennstoffzelle getrieben durchsetzen wird.

 Ihr Kanton, der Kanton Aargau wird von der A1 durchquert. Wann wird die Autobahn durchgehend auf 6 Spuren ausgebaut, um den Auto  mehr Platz zu gewähren? Ist das wünschenswert?

Die Mobilität ist ein wichtiges Element für die Entwicklung unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Sie ist eine Grundlage für unseren Wohlstand. Ich bin nicht bereit, dass Risiko einzugehen, dass die Aargauer Bevölkerung permanent im Stau steht, nur weil man kurzsichtig längst notwendige Anpassungen der Infrastruktur verschoben und verzögert hat.

Welche Visionen haben Sie  für den Gesamtverkehr Schweiz?

Wir werden in Zukunft zunehmend multimodal mobil sein. Die Möglichkeit mobil zu sein und so am sozialen Leben teilzuhaben sind für mich ganz zentrale Werte. Wenn wir ein Modell für den Gesamtverkehr Schweiz entwickeln, müssen wir uns dies immer vor Augen halten. Ein zweites wichtiges Element ist, dass die künftige Mobilität von allen als etwas sehr Positives wahrgenommen werden soll. Das heisst, die heute noch oft zitierten negativen Aspekte, wie Verkehrsunfälle, Luftbelastung, Lärm usw. sind zu vermindern. Drittens müssen wir die Chancen der Digitalisierung, neuer Mobilitätsformen und neuer Antriebsformen nutzen. Sie werden auch dazu führen, dass öffentlicher und privater Verkehr vor allem in den urbanen Räumen wohl immer stärker zusammenwachsen. Ich denke, dass sich hier ganz neue Mobilitätsmöglichkeiten eröffnen werden, gerade auch für Senioren.

Thierry Burkart
Thierry Burkart, geboren 1975, ist in Obersiggenthal aufgewachsen und wohnt in Baden. Nach Studien in St. Gallen und Lausanne erwarb er das Anwaltspatent. 2015 wurde er in den Nationalrat gewählt. Seit 2011 ist er Vizepräsident des TCS Schweiz.