Seniorin 2019 | 2

Schon selber erlebt? Ferien im Camper

Wieso um Himmels Willen tauschen durchaus lebenstaugliche Menschen für ihre Ferien oder eine längere Reise ihre Wohnung samt Garten gegen ein 12m2-Auto ein und fühlen sich auch zu zweit sogar noch frei? Und haben dabei auch noch grossen Spass?

 

Wir, meine Frau und ich, besitzen seit 10 Jahren so ein 12m2-Auto und verbringen darin acht bis zehn Wochen des Jahres. Anfänglich waren es Ferien. Zwischenzeitlich gehen wir einfach auf Reisen und lassen uns treiben. Dies kommt nicht von ungefähr, lernten wir doch, dass die fahrenden Dinger nicht Wohnmobil, sondern Reisemobil heissen. Mit dieser Erkenntnis tat sich für uns die Qualität dieser Lebensweise erst richtig auf. Heute ist der Name Programm und wir reisen kreuz und quer durch Europa.

Das Gefühl der grossen Freiheit
Was macht es denn so spannend, bei 30 Grad durch Spanien zu kurven oder im Juli bei 5 Grad, eisigen Winden und Regen, Schottland zu erkunden? Es ist das Gefühl, frei zu sein, quasi als «Hero of the highway» die Welt zu erobern, und es sind die verklärten Erinnerungen, welche eine Reise, genau wegen solcher Unwägbarkeiten, später am Leben erhalten. Zugegeben, wenn man bei 5 Grad und eisiger Kälte dann seine 12 m2 geniesst, kann man sich die Vorzüge einer Kreuzfahrt oder von Wellness durchaus vorstellen.

Aber die schönen Seiten überwiegen. Es ist wirklich herrlich, irgendwo am Ufer eines Sees in Schweden sein Mobil zu parken, vor sich ein Glas Wein zu stellen, die Weite zu geniessen und den nie stattfindenden Sonnenuntergang zu bestaunen. Und dies nicht in der Masse Pauschalreisender, sondern ganz alleine oder in angemessener Distanz zu anderen Reisemobilisten.

Der Weg ist das Ziel
Ein Allerweltssatz, dessen Aussage sich uns erst nach und nach erschlossen hat. Generell planen wir unsere Reisen grosszügig und definieren die ungefähre Richtung. Eine solche Idee war einmal, in drei Wochen die 2000 km rund um die Ostalpen zu bereisen. Hätten wir dieses Unterfangen minutiös geplant, alles vorreserviert oder bei einem Reiseveranstalter gebucht, wäre alles genau so abgelaufen wie vorgesehen. Keine Abweichung vom Plan und schon klar, welches Menu wir in Ljubljana in welchem Restaurant auf den Teller bekommen. Campen hat aber viel mit Spontanität, Improvisation, situativem Verhalten und neu organisieren zu tun. Mein Gehirntherapeut erklärt mir immer wieder, genau solche Dinge seien im Alter zu trainieren. Das glaube ich ihm. Nur langweilt es mich, mein Gehirn mit Kreuzworträtseln und Sudokus in Schuss zu halten. Viel reizvoller ist eine grosszügig geplante Reise, z.B. um die Ostalpen. Wenn wir dann erst nach zwei Reisewochen und drei Tagen Wien erreichen, ­haben wir sehr viel Unverhofftes gesehen, Menschen getroffen, Umwege gemacht und Kurioses entdeckt. Das ist Campingfeeling! Und wir haben nach dieser spannenden Reise immer noch den unerfüllten Traum – nämlich unseren Trip ganz um die Ostalpen.

Einfach probieren – und klug planen
Einige Kolleginnen und Kollegen schauen sehnsüchtig, wenn wir auf Reisen gehen. «Das möchte ich auch einmal probieren», sagen sie dann. Ich kann nur empfehlen, gib Dir einen Schubs und probiere es aus! Es muss ja nicht gleich am Anfang die ganz grosse Tour in unbekannte Lande sein. Reisemobile kann man auch für ein Wochenende mieten und damit auf einen schönen Campingplatz im Umkreis von 100 km fahren. Ein solcher Ausflug gibt erste Indizien, ob man fürs Campen taugt oder es lieber bleiben lässt. Meine Erfahrung zeigt, es gibt bei dieser Art Freizeitaktivität kein sowohl als auch. Entweder es packt einen voll oder man lässt es besser bleiben. Nichts Schlimmeres als freudlose Tage beim Campen. Es ist zum Beispiel nicht jederfraus Sache, in einem Sanitärgebäude – wohlverstanden mit sauberen Duschkabinen – die Morgentoilette zu verrichten. Es braucht auch ein wenig Gewöhnung, mit dem Reisemobil durch schnuckelige Ortschaften zu kurven. Und es ist auch nicht jedermanns Sache, zum Einkauf das Fahrrad und nicht das Auto zu nutzen. Wer von der Ferienwohnung her gewohnt ist, mit dem Auto auf eine Tagestour aufzubrechen, muss mit seinem Wohngefährt umdenken, denn es ist eher umständlich, den Standplatz für eine Spritztour zu verlassen. Auch das Benützen öffentlicher Verkehrsmittel kann im Ausland zu einem kleinen Abenteuer werden.

Und wen es packt, der kommt kaum noch los
Zu Beginn des Reisemobillebens ist es richtig, ja unverzichtbar, Camper zu mieten. Zwei-, dreimal sollte man verschieden grosse und im Grundriss unterschiedliche Fahrzeuge ausprobieren, bevor man sich zum Kauf entschliesst. Ein Reisemobil ist eine grössere Investition und sollte einem längere Zeit Freude machen. Ein Fehlkauf geht arg ans Portemonnaie. Campen ist zwar Bauchsache, aber beim Kauf des Mobils sollte man zuerst den Kopf, dann nochmals den Kopf und erst dann den Bauch einschalten. Viele Einsteigerinnen und Einsteiger sind fasziniert und geblendet von den tollen, aber oft überdimensionierten Grundrissen. Die Folge, sie lassen sich zum Kauf von (zu) grossen Reisemobilen hinreissen. Überlegen Sie es sich gut, ein Fahrzeug zu beschaffen, das länger als 7 m ist. Enge Gässchen im Süden und knappes Parkplatzangebot in Städten führen schnell zu Stress – und von diesem hatten wir ja in der zweiten Lebensphase genug.

Zum Schluss nochmals zur Ausgangsfrage, wieso tauscht man die grosse Wohnung so gerne gegen 12 m2? Weil es nichts Besseres gibt! Keine Kreuzfahrt, kein Wellness und kein Strandurlaub bringen diesen Erholungswert. Meine Frau und ich brauchen diese Abwechslung, diese Improvisation, diese Unruhe. Unser Reisemobil hält uns fit im Hirn und weil wir viel mit dem Fahrrad unterwegs sind, ersetzt es auch noch das Fitnesscenter. Willkommen in der Welt der Camper, gute Reise – und vielleicht stehen irgendwo in Europa unsere Fahrzeuge bald nebeneinander.

Freunde treffen, die auch mit dem Camper unterwegs sind, macht Spass.

Urs Weishaupt
Urs Weishaupt war schon Partner einer Werbeagentur und leitete die Kommunikation der Stadt St. Gallen. Seither ist er passionierter Curlingspieler und Reisemobilabenteurer.