Das Haus wird komfortabler – und durchschaubarer

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Smart Home oder Vernetztes Wohnen sei unsere Zukunft. Wollen wir das? Brauchen wir das? Können wir uns dem entziehen? Kaum. Aber wir können lernen, klug mit Innovation umzugehen, indem wir nicht nur Nutzen, sondern auch Risiken und Nebenwirkungen kennen und uns trotzdem vieles nutzbar machen.

 

Samsung, bekannt für TV- und viele andere Geräte, mietete an der Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin in den letzten Jahren jeweils gleich ein ganzes Stockwerk eines Ausstellungsgebäudes, um alles zu zeigen, was das Unternehmen an Produkten anbietet. Der Andrang war gross. Was ins Auge sticht: Samsung versucht für jedes Gerät, dessen Nutzung oder Bedienung irgendwie vernetzt werden könnte, passende Angebote zu bieten. Wo am Kühlschank zuhause früher lustige Magnete und allerlei Wissenswertes aus Haushalt und Familie klebten, wird uns künftig ein grosser Bildschirm mit Informationen versorgen. Das Gerät heisst auch nicht mehr Kühlschrank, sondern Family Hub, denn er stellt sicher, dass stets genug zu essen und zu trinken da ist. Das geht ganz einfach: Drei Kameras im Innern des Gerätes zeigen, was noch vorrätig ist und was fehlt. Über eine App kann das Bild selbstverständlich auch auswärts abgerufen werden, beispielsweise im Laden beim Einkaufen. So kann man einkaufen, worauf man gerade Lust hat und kann vorsehen, wenig Esswaren wegzuwerfen, da sozusagen à la minute eingekauft, zubereitet und gegessen wird.

Ein Gerät für jedes Bedürfnis
Schön und gut und praktisch. Gerätehersteller wie Samsung streben natürlich höhere Ziele an. Sie wollen unseren Haushalt so komplett wie möglich und aus einer Hand ausstatten, so dass alle Geräte einander über eine Schnittstelle erkennen und miteinander kommunizieren können. Oder wie Huawei Europe in seiner Werbung schreibt: «Building a Fully Connected Intelligent World», alles vernetzt. Denn die Vielfalt von Geräten, die wir in Haushalten finden oder bald finden werden, ist gross, seien es solche für die Heimautomation und Sicherheit (z.B. Überwachungskameras und Alarmmelder), smarte Unterhaltung (z.B. alles für Audio und Video), smarte Elektrogrossgeräte (z.B. Waschmaschinen, Kühlschränke und Klimaanlagen), smarte Elektrokleingeräte (Staubsauger, Wasserkocher und Mixgeräte) und Netzwerk- und Steuerung. Je nach persönlichem Bedürfnis können die Nutzer den einen oder anderen Bereich stärker oder weniger pflegen.

Ein Blick in den sonnigen Garten? Weit gefehlt: ein Bildschirm mit ausgezeichnter Auflösung.

Sicherheit und Energiesparen
Smart Living oder Vernetztes Leben hat aber auch andere Dimensionen. Ein wichtiger Aspekt ist zweifellos die Sicherheit. Bewegungsmelder teilen uns mit, ob wir in unserer Abwesenheit ungebetene Gäste haben, können aber auch wertvolle Signale senden, sollte sich jemand lange nicht mehr bewegen. Rasch würde dann ein Notdispositiv ausgelöst. Vorbei auch die Zeiten, in denen wir in unendlichen Taschen unsere Schlüssel suchten: Ein Fingerabdruck, ein Blick in die Kamera oder sogar ein Sprachbefehl öffnet jede Türe wie von Geisterhand. Werden keine Schlüssel mehr gebraucht, können auch keine verloren gehen. Gerade in Häusern mit vielen Wohneinheiten senkt das die Kosten und erhöht die Sicherheit. Und wer Schlüssel verwaltet, wird froh sein, dies in einem elektronischen Programm statt an einem kaum überschaubaren Kasten tun zu können. Ein Dauerthema ist die Warmwassertemperatur in Häusern. Digitale Überwachung und smarte Ventile werden nicht nur dafür sorgen, dass die Wasserqualität dank richtiger Aufwärmung stets gut ist – und die gefährliche Legionellenbildung verhindert wird –, sondern auch dafür, dass die Heizkosten gesenkt werden können.

Hey Google, lass mich rein!
Allgemein rechnen Fachleute damit, dass Sprachassistenten in Zukunft noch mehr zum Einsatz kommen werden. Der Statista Smart Home Report 2018 zeigt beispielsweise, dass der globale Markt für Smart Home in den letzten zwei Jahren um 67% gewachsen ist. Allein die Zahl von Sprachassistenten, die weltweit im Einsatz sind, dürfte von heute 100 Mio. Geräte bis ins Jahr 2022 auf 300 Mio. Geräte ansteigen. Die Schweiz liegt da etwas zurück, da Amazon wegen der Drei- bzw. Viersprachigkeit eines verhältnismässig kleinen Landes bisher keine Schweizer Lösung anbietet. Auch auf Nachfrage bei Amazon heisst es bloss lapidar «There is no roadmap for Switzerland»; vorerst kein Plan für die Erschliessung der Schweiz. Trotzdem – andere Anbieter wie Google Home werden sich etablieren. Sprechen ist das neue Schreiben. Zudem hat nahezu jede und jeder von uns auf seinem Smartphone schon jetzt eine Sprachsteuerung eingebaut, aber oft noch Zurückhaltung im Einsatz.

Sind meine Daten sicher?
Wir erleben aber auch die Entwicklung eines gegenläufigen Trends. Die Sensibilität für Datenschutz und die Angst vor Datenmissbrauch nehmen zu. Sicherheitsschranken werden aufgebaut und grösser. Bereits müssen wir beim Nutzen jeder Website unser Einverständnis für den Einsatz von Cookies eingeben. Wer nicht zustimmt, muss damit rechnen, schlechter mit Informationen bedient oder gar ganz ausgeschlossen zu werden. Bloss, was ist schlimmer: Daten preiszugeben oder aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu sein?

Was kauf ich bloss, was hab ich noch? Einkaufen einfach gemacht: Die App auf meinem Handy überträgt Livebilder direkt aus meinem Kühlschrank.

Lernen als grösste Herausforderung
Konnten sich frühere Generationen bei Erreichung der Pensionierung zurücklehnen und ihr Leben beschaulich und kontemplativ geniessen, muss heute, wer an der Gemeinschaft partizipieren will, aus freien Stücken oder der Not gehorchend lernen. Ingenieure scheinen es zu geniessen, uns immer komplexere Systeme zu bieten, als wollten sie damit ihre Kennnisse beweisen.

 Wieder Hoheit über die Daten erhalten
Mit jedem Schritt, den wir in einem vernetzten Gerät tun, lösen wir Daten aus, die irgendwohin gesandt werden. In der Regel gelangen diese Daten in die Listen von amerikanischen oder chinesischen Plattformen. Die Europäer haben diese Entwicklung zu spät erkannt und jetzt ein Nachholbedürfnis. Auf den Medientagen in München wurde kürzlich auf vielen Podien deshalb gefordert, die Europäer müssten endlich eigene Algorithmen entwickeln, um eigene Plattformen bauen zu können. Der Freistaat Bayern investiert 100 Mio. EUR in die Schaffung von Lehrstühlen für die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz.

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