Neue Intendanz will den Theaterbegriff erweitern

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Vor zwei Jahren wurden Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg zu Co-Intendanten des Schauspielhauses Zürich ernannt. In diesem Herbst starteten sie in ihre erste Spielsaison mit einem Regieensemble und dem Anspruch, den Theaterbegriff zu erweitern.

 

Vor der grossen Sommerpause verliess Barbara Frey nach zehn Jahren als erste Direktorin das Schauspielhaus Zürich. Sie bot keine grosse Ego-Show, verstand sich als Erste unter Gleichen, liess vielseitige Regie-­Handschriften zu, so – neben vielen anderen – jene von Herbert Fritsch, René Pollesch, Stefan Pucher, ­Lukas Bärfuss, Karin Henkel und Daniela Löffner. Sie hat Ruhe nach den Turbulenzen mit Christoph Marthaler und Matthias Hartmann ins Schauspielhaus gebracht.

Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln
Mit dieser Ruhe dürfte es jetzt wieder vorbei sein, denn die neuen Co-Intendanten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg versprechen einen kulturellen Umbruch, einen inhaltlichen und strukturellen ­Innovationsschub, ein Theater, das die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln soll. Man will weg vom überkommenen System mit Feudalintendanten, weg von reisenden Regisseuren, die nach der Premiere die Stadt wieder verlassen. Die neue Intendanz engagierte sieben unterschiedliche Hausregisseurinnen und -regisseure, die verpflichtet wurden, für drei Jahre in ­Zürich zu leben und aus der Stadt heraus ihre künst­lerischen Sprachen zu entwickeln.

Das neue Regisseurenteam am Schauspielhaus (v.l.): Benjamin von Blomberg, Yana Ross, Wu Tsang, Nicolas Stemann, Trajal Harrell, Suna Gürler, Alexander Giesche, Leonie Böhm. Foto: Gina Folly

Die neuen Hausregisseurinnen und -regisseure – es handelt sich um Leonie Böhm (D), Alexander ­Giesche (D), Suna Gürler (CH), Yana Ross (USA), Christopher Rüping (D), Wu Tsang (USA), Trajal Harrell (USA) und Intendant Nicolas Stemann – wollen unterschiedliche Hintergründe, Perspektiven auf die Welt und Geschichten über die Welt nach Zürich bringen. Es sei ein Gesellschaftsprojekt, derart unterschiedliche Hintergründe und Ästhetiken aufeinander treffen zu lassen, schreibt das Schauspielhaus. Das vorgesehene Spektrum reiche vom traditionellen Sprechtheater bis zu Formaten, die bislang im Film und in der Bildenden Kunst zu Hause waren, von zeitgenössischem Tanz bis zu Theater für und mit Jugendlichen. Das Junge Schauspielhaus wurde aufgelöst, soll aber «selbstverständlicher Teil des gesamten Schauspielhauses bleiben». Das Schauspielhausensemble wurde auf 35 vergrössert und um Tänzer und Performer erweitert. Zudem werden die Regisseure Christiane Jatahy, Christoph Marthaler und Milo Rau mit ihren Werken im Schauspielhaus vertreten sein.

Ein «starker, fulminanter Auftakt»
Einen ersten Einblick in die unterschiedlichen Ästhetiken und Themen des neuen Regieteams bot das fünftägige Eröffnungsfestival Mitte September. Alle acht Regisseurinnen und Regisseure zeigten je eine Arbeit, die «so prägend und persönlich ist, dass sie sich für eine erste Begegnung mit Zürich besonders eignet». Gezeigt wurden erprobte Arbeiten, die anderswo schon mehrfach gezeigt wurden und teils auf begeisterte Resonanz stiessen. Die Saisonauftakt scheint geglückt zu sein. Viele Medien berichteten von einem «starken, fulminanten Auftakt».

In der Schiffbauhalle inszenierte Yana Ross das wortlose Drama «Wunschkonzert» von Franz Xaver Kroetz. Eindringlich spielt die polnische Darstellerin Danuta Stenka die himmeltraurig einsame Frau, die den Feierabend in ihrer Wohnung verbringt. In der Schiffbaubox zeigte Suna Gürler, die die Jugendarbeit leitet, das Projekt «Flex», in dem sich sechs junge Frauen in einen berauschenden Überschwang weiblicher Selbstfindung spielen. Christopher Rüping, Regisseur des Jahres 2019, brachte Miranda Julys ­Debütroman «Der erste fiese Typ» auf die Pfauenbühne, eine der seltsamsten Liebesgeschichten der Gegenwartsliteratur. Co-Intendant Nicolas Stemann bot im Pfauentheater seinen 2012 erarbeiteten achtstündigen «Faust» mit Sebastian Rudolph in der Hauptrolle an: «Ein grandios aktueller, megalomaner Kniefall vor Goethe», urteilt der Tages-Anzeiger.

Noch offen, was anders wird
Alle diese Stücke bleiben noch länger auf dem Spielplan und geben einen Vorgeschmack auf künftige Inszenierungen. Einen ersten Einstand gab Christopher Rüping am 25. Oktober mit «Früchte des Zorns» von John Steinbeck, ein Stück über eine Farmerfamilie, die den Osten der USA verlassen muss und in Kalifornien in unerbittliche, tödliche Armut stürzt. Rüping will mit dem Stoff die Machtlosigkeit der Mittellosen und die pure Existenz von Armut für uns Besitzende erfahrbar machen. Geboten wird ein wechselvolles Spiel, das eindrücklich die Ausbeutung des Elends thematisiert, aber kaum Antworten liefert, was man gegen diese Armut tun kann.

Noch ist schwer erkennbar, was das neue Team am Schauspielhaus anders machen wird. Das werden die weiteren Inszenierungen zeigen («Der Kirschgarten» am 14. Dezember, «Der Streik» am 12. Januar, «Der Mensch erscheint im Holozän» am 18. Januar, «Moved by the Motion» am 25. Januar und «I’m Wide Awake, It’s Spring» am 27. März). Jedenfalls verspricht der geglückte Auftakt, dass es der neuen Intendanz mit ihrem erweiterten Theaterbegriff gelingen kann, ein neues Theaterpublikum zu erschliessen. 

 

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