Weniger Risiken, da jederzeit richtig informiert

0
32

Das elektronische Patientendossier (EPD) verbessert die Kommunikation im Gesundheitswesen. Im EPD sind die richtigen Gesundheitsinformationen im richtigen Moment zur Hand – zuverlässig, sicher, aktuell. Das bringt nur Vorteile: für die Gesundheitsfachpersonen und für die Bevölkerung.

 

Die letzte Impfung? Im Impfbüchlein. Das Impfbüchlein? Vermutlich irgendwo in einer Schublade. Meine Medikamente? Die weissen Tabletten am Morgen, die gelben am Abend. Dosierung: steht auf der Packung. Name und Wirkstoff auch. Risiken und Nebenwirkungen…  jeder kennt solche Situationen.

Persönliche Gesundheitsinformationen gehören dem Bürger. Genauso wie Bankinformationen. Im ­Gegensatz dazu führt kaum ein Bürger ein vollstän­diges Gesundheitsdossier zu Hause, wo die Impfungen, die Medikamentenliste, die Röntgenbilder, die Operationsberichte oder auch Vitaldaten digital und immer aktuell nachgelesen und -gesehen werden können. Diese Informationen sind auch für die jeweil­igen Gesundheitsfachpersonen wichtig. Insbesondere dann, wenn mehrere einbezogen werden müssen, beispielsweise die Hausärztin, der Apotheker und ein ­Spezialist. Wer mehr weiss, kann mehr – für die Bevölkerung bedeutet das elektronische Gesundheitsdossier: bessere Informationen, mehr Gesundheitskompetenz, mehr Mitsprache. Und für die Gesundheitsfachpersonen: bessere Information, mehr Behandlungstransparenz, mehr Qualität, mehr Effizienz.

Das EPD in der Praxis
Frau Stirnimann nimmt täglich mehrere Medikamente zu sich. Sie fühlt sich nicht wohl und möchte einen Termin bei ihrer Hausärztin, Dr. Brunner, vereinbaren. Da Frau Dr. Brunner ferienhalber abwesend ist, muss sie auf Dr. Peterhans ausweichen, der in einer anderen Praxis arbeitet. Im Rahmen der Konsultation muss sie ihm ihre ganze Krankengeschichte zusammenfassen. Frau Stirnimann ist sich dabei nicht sicher, eine Diagnose, ein Medikament oder ein Problem vergessen zu haben. Mit dem elektronischen Patientendossier geht das in Zukunft viel einfacher.

Gemäss dem Bundesgesetz über das Elektronische Patientendossier vom 19. Juni 2015 haben alle Kantone die Verpflichtung, im Rahmen der nationalen eHealth-Strategie EPD einzuführen. Die konkrete Realisierung, wo sich also Patienten melden können, um ihr eigenes EDP zu eröffnen, ist in Arbeit.

Frau Stirnimann hat ein EPD. Ihre Hausärztin legt dort sicher und einfach Dokumente und Daten ab, die für die Weiterbehandlung wichtig sein können. Das sind zum Beispiel Röntgenbilder, Medikationslisten oder Impfungen. Frau Stirnimann berechtigt dabei einfach zusätzlich zu ihrer Hausärztin noch Dr. Peterhans, der damit auf diese behandlungs­relevanten Daten und Dokumente zugreifen kann. Dieses Zugriffsrecht kann dabei zeitlich beschränkt werden, da ihre reguläre Hausärztin bald aus den Ferien zurück sein wird und deren Stellvertreter den Zugang zum EPD von Frau Stirnimann nicht mehr benötigt.

Nach den Ferien sieht Frau Dr. Brunner bei der nächsten ordentlichen Konsultation von Frau Stirni­mann, was ihr Stellvertreter während ihrer Abwesenheit verordnet hat. Sie ist also sofort auf dem neuesten Stand.

Frau Stirnimann stürzt beim Einkaufen unglücklich mit dem Velo und wird von der Ambulanz bewusstlos ins nahegelegene Kantonsspital gefahren. Die diensthabende Notfallärztin Frau Dr. Kunz findet ihr EPD und hat mittels dem von Frau Stirnimann akzeptierten Notfallzugriff Zugang zu bestimmten Daten. Sie sieht dabei, dass Frau Stirnimann allergisch auf Penicillin reagiert und bereits mehrere Medikamente einnimmt. So kann Frau Dr. Kunz die Behandlung von Frau Stirnimann optimal durchführen und sorgt für rasche Genesung.

Dieses Beispiel ist fiktiv, die Namen sind erfunden, doch es zeigt genau, was das elektronische Patientendossier zum Ziel hat: den Informationsaustausch zwischen Gesundheitsfachpersonen zu verbessern – zum Wohle von Patientinnen und Patienten.

Strenge Sicherheitsrichtlinien
Das elektronische Gesundheitsdossier sorgt dafür, dass die behandlungsrelevanten Daten und Informa­tionen immer aktuell zur Verfügung stehen. Wer diese Daten und Informationen einsehen kann, entscheidet immer der oder die Besitzer/in des elektronischen Gesundheitsdossiers. So will es das Gesetz. Die Richt­linien für den Datenschutz und die Datensicherheit sind streng und werden regelmässig durch unabhängige Dritte kontrolliert. Dennoch ist die Nutzung des elektronischen Gesundheitsdossiers für die Bevölkerung einfach: Internetanschluss, fertig. Die Erstellung eines Dossiers ist freiwillig. Nur wer von den Vorteilen überzeugt ist, soll ein EPD eröffnen. Wer ein Dossier hat, kann es jederzeit und ohne Angabe von Gründen widerrufen.

Klare Regeln
Die gesetzliche Grundlage für das elektronische Gesundheitsdossier ist das Bundesgesetz über das elek­tronische Patientendossier (EPDG). Dieses verlangt von Spitälern, Reha-Kliniken und Psychiatrien, dass sie ab April 2020 die behandlungsrelevanten Gesundheitsinformationen und -daten, die für die Weiter­behandlung durch andere Gesundheitsfachpersonen wichtig sind – neben der bisherigen internen Dokumentation –, auch ins elektronische Gesundheits­dossier ablegen.

Die Bevölkerung und die Gesundheitsfachpersonen ausserhalb von Spitälern und Heimen – zum Beispiel Apothekerinnen und Apotheker sowie niedergelassene Ärztinnen und Ärzte – entscheiden selbst, ob sie am elektronischen Gesundheitsdossier teilnehmen. Ein gesetzlicher Zwang besteht nicht. Personen und Organisationen, die nicht an der direkten Behandlung von Patientinnen und Patienten beteiligt sind (z.B. Arbeitgeber, Behörden, Krankenkassen), haben zu keinem Zeitpunkt und unter keinen Umständen Zugriff auf die Gesundheits­informationen und -daten, die im elektronischen ­Gesundheitsdossier sind.

Grosses ist im Tun
An der Schnittstelle zwischen Menschen und Technologie passiert Grosses: Das Gesundheitswesen ist heute noch ein geschlossenes System mit klaren ­Rollen, hochgradig reguliert und top-down gesteuert. Die digitale Transformation im Gesundheitswesen – und damit der Weg vom heutigen «Gesundheits-System» zum künftigen «Gesundheits-Netzwerk» – ist im Gange. Sie ist vielschichtig und komplex: Die Prozesse im Gesundheitswesen müssen unter Einbezug aller Akteure – auch der Bevölkerung – konsequent neu ­digital gedacht werden. Letztlich geht es um einen komplett neuen Ansatz im Gesundheitswesen: Zunehmende Vernetzung bedeutet offene Kommunikation, Transparenz und Partizipation. Das elektronische ­Gesundheitsdossier ist lediglich ein erster Schritt in diese Richtung.

Nach dem Start ist vorgesehen, mit den entsprechenden Verbänden Massnahmen zu erarbeiten, die es ermöglichen, das EPD z. B. auch älteren Menschen zu erklären und bei Bedarf direkt mit den Interessierten ein EPD zu eröffnen.

 Nicolai Lütschg,
lic. phil. (Politikwissenschaft), engagiert sich seit fast 20 Jahren in Digitalisierungsprojekten in verschiedenen Branchen. Angefangen beim Bankenwesen mit eBanking über die Unterstützung der universitären Lehre und Forschung mit eLearning hin zur Digitalisierung von Behördenleistungen für Wirtschaft und Private im eGovernment. Als Gesamtprojektleiter verantwortete er die Erarbeitung des Bundesgesetzes über das elektronische Patientendossier EPDG beim Bundesamt für Gesundheit BAG und leitet seit August 2016 die Stammgemeinschaft eHealth Aargau als Geschäftsführer und ist damit verantwortlich für die Digitalisierung und Vernetzung des Aargauischen Gesundheitswesens.

 

Kommentieren Sie diesen Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein