Aufbruchstimmung und Avantgarde in Zürich

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Depression und Partystimmung: Die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts waren eine Zeit des Umbruchs – und künstlerisch ungemein spannend bis heute, wie die kommende Ausstellung «Schall und Rauch. Die wilden Zwanziger. Von Josephine Baker bis Thomas Ruff» im Kunsthaus Zürich beweisen will.
Bild: Félix Vallotton, La poudreuse, 1921, Öl auf Leinwand, 82 × 100 cm, Privatbesitz

 

Die «Goldenen Zwanziger»

Nachkriegschaos und Weltwirtschaftskrise, Freiheitsdrang und Aufbruchsstimmung – die Zwanzigerjahre waren eine Zeit der Extreme, und genau deshalb eine kulturhistorisch ungemein spannende Zeit. In Malerei, Architektur, Literatur und Musik spiegelten sich politische Aussagen ebenso wider wie der pure Spass an der Sache. Es wurde gelebt und getrunken, gestritten und diskutiert.

Vorab Kunst und Kultur dieser Epoche präsentierten sich glanzvoll und experimentierfreudig. Nicht umsonst sind diese Jahre als die «Goldenen Zwanziger» in der Erinnerung lebendig geblieben. Dabei waren diese Jahre nur für einen kleinen, relativ wohlhabenden Personenkreis wirklich «golden». Grosse Teile der Bevölkerung lebten in ärmlichen Verhältnissen und mussten sich um ein ausreichendes Auskommen sorgen. Mit der 1929 eintretenden Weltwirtschaftskrise endete die Partystimmung sehr plötzlich, und die Themen in Kunst und Kultur wurden zunehmend politisch und beschrieben die Not und das soziale Elend der Bevölkerung.

Christian Schad, Maika, 1929, Öl auf Holz, 65 × 53 cm, Privatsammlung

Prägend für die Kunst der Nachkriegszeit waren die avantgardistischen Stilrichtungen, zum Beispiel Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus. Ihre Vertreter, etwa Max Ernst oder Paul Klee, fanden beim Publikum grossen Anklang, weil sie als Protest einer jungen Generation gegen Selbstentfremdung und den Verlust der Humanität verstanden wurden. Andere Maler wie Otto Dix, Max Beckmann oder Georg Grosz schufen – beeinflusst von der Massenkultur und den neuen technischen Medien Film und Hörfunk – Gemälde, die ein nüchternes Bild von der Bewältigung des Alltags malten. Sie prägten mit ihrer «neuen Sachlichkeit» besonders die zweite Hälfte der Zwanzigerjahre. In der Bildhauerei waren die expressionistischen Plastiken von Ernst Barlach und Käthe Kollwitz prägend.

Auch in Architektur und Design fand die «neue Sachlichkeit» Eingang und drückte sich durch einfache gerade Formen aus, die Schönheit und Funktionalität miteinander verbanden. Stilprägend wurde hier die von Walter Gropius in Weimar gegründete Hochschule für Gestaltung, das sogenannte «Bauhaus». Äusserst beliebt waren in dieser Zeit Tanzveranstaltungen. Getanzt wurden in den zahlreichen Tanzlokalen vor allem die amerikanischen Modetänze «Shimmy» und «Charleston» zu den Jazzklängen von Duke Ellingtons «Chocolate Kiddies» oder Josephine Bakers «Charleston Bigband» und zahlreicher anderer Bands. Auch in der ernsten Musik wurden neue Wege beschritten. Die Komponisten Paul Hindemith und Arnold Schönberg experimentierten mit neuen Tonsprachen.

80 Künstlerinnen und Künstler
Die Ausstellung «Schall und Rauch. Die wilden Zwanziger. Von Josephine Baker bis Thomas Ruff» im Kunsthaus Zürich, die am 3. Juli eröffnet wird und bis 11. Oktober 2020 dauert, will die typische Stilheterogenität der 1920er-Jahre aufzeigen. Die damaligen Stilrichtungen wie Bauhaus, Dada, die neue Sachlichkeit sowie Design- und Architekturikonen des Modernismus werden nicht getrennt voneinander betrachtet, sondern treten miteinander in einen Dialog. Die Besucherinnen und Besucher finden die ausgestellten Werke nicht chronologisch oder nach Gattungen gruppiert, sondern sozio-kulturellen Themen zugeordnet, die für die «Goldenen Zwanziger» prägend waren: «Abschied vom Kriegstrauma», «Neue Rollenbilder», «Pluralistische Sehgewohnheiten» oder «Rausch der Bewegung». Viele der damals entstandenen Stile in Architektur und Design sind noch heute richtungsweisend, so zum Beispiel der in Gemeinschaftsarbeit entstandene Clubsessel von Le Corbusier/Perriand/Jeanneret oder Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche. Diese Schöpfungen muten noch nach 100 Jahren als modern und zeitgenössisch an.

Kunsthaus-Kuratorin Cathérine Hug hat rund 80 Künstlerinnen und Künstlern der verschiedensten Kunstsparten für die Ausstellung ausgewählt, darunter Kader Attia, Josephine Baker, Marc Bauer, Constantin Brancusi, Coco Chanel, Le Corbusier mit Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand, Otto Dix, Dodo, Laura Gerlach, Valeska Gert, Walter Gropius, George Grosz, Raphael Hefti, Hannah Höch, Karl Hubbuch, Johannes Itten, Rashid Johnson, Grete Jürgens, Wassily Kandinsky, Elisabeth Karlinsky, Friedrich Kiesler, Paul Klee, František Kupka, Fernand Léger, Jeanne Mammen, Fabian Marti, László Moholy-Nagy, Piet Mondrian, Alexandra Navratil, Gret Palucca, Trevor Paglen, Suzanne Perrottet und Rudolph von Laban, Francis Picabia, Man Ray, Hans Richter, Mies van der Rohe, Thomas Ruff, Christian Schad, Xanti Schawinsky, Kurt Schwitters, Shirana Shahbazi, Veronika Spierenburg, My Ullmann, Rita Vitorelli.

Die Pluralität der Ausdrucksmittel war ein Merkmal dieser aufreibenden Epoche: «Auch heute, wo eine neo-liberale Politik ans Limit geht, wo disruptive Innovationen soziale und ethische Standards herausfordern, wo Künstler sich als Aktivisten positionieren und Kulturpessimisten Reaktionären in die Arme laufen, ist die Auseinandersetzung mit den 1920er-Jahren von hoher Aktualität», schreibt das Kunsthaus in seiner Vorschau auf die Ausstellung. In einem Begleitprogramm greift das Kunsthaus deshalb nicht nur kreative Prozesse heraus, sondern stellt soziale und wirtschaftliche Fragen der Gegenwart zur Diskussion. Die Ausstellung wird nach Zürich im Guggenheim-Museum Bilbao gezeigt.

Theodore Lux Feininger, Xanti Schawinsky, Ohne Titel, um 1927, s/w-Fotografie, bemalt, 23,2 × 17,9 cm, Privatbesitz

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