Jeden Tag bewusst leben: Krise konstruktiv nutzen

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Corona fordert uns heraus. Die Krise zeigte die Bedeutung gesellschaftlicher Strukturen. Und die Gefahren, wenn solche fehlen. Der Rückzug bescherte vielen von uns mehr Zeit für sich selbst. Hoffentlich trägt er dazu bei, künftig bewusster zu leben – persönlich und gesellschaftlich.

 

Ein Lastwagen stoppte nach Ausbruch der Corona-Krise brüsk neben einem älteren Ehepaar. Der Chauffeur stieg aus und herrschte die beiden an, die sich auf dem Weg zum Einkaufen befanden. Sie sollten gefälligst daheim bleiben, statt spazieren zu gehen und andere zu gefährden. Ein Journalist beschrieb diesen Vorfall über soziale Medien. Zum Glück überwiegen andere Erfahrungen. Betagte berichten, wie Nachbarinnen diverse Botengänge für sie erledigten. Und Kinder stellten ihnen selbst gebackene Guetzli vor die Wohnung. Die «Mailänderli» symbolisieren ein zukunftsweisendes Miteinander.

Vereinzelt
Corona-Viren kündigten sich zuerst in weiter Ferne an. Sie holten uns aber bald ein. Für viele gelangten die Infektionen schneller als erwartet in die Schweiz. Die Welt ist näher zusammen gerückt. Das verbindet und verunsichert. Corona zeigt, wie verwundbar wir sind. Wir haben nie alles im Griff. Die Krise durchkreuzte unsere Gewohnheiten und Pläne im Nu. Sie schränkte und schränkt uns alle ein, allerdings unterschiedlich.

Wichtig ist zum Beispiel, wie wir wohnen. Alte Menschen haben statistisch mehr als zwei Zimmer zur Verfügung, junge und migrierte deutlich weniger. Aber Durchschnitte sind heikel. In allen Gruppen gibt es Ärmere und Reichere. Und mit steigendem Einkommen nehmen in der Regel die Bildung, Gesundheit und sozialen Netzwerke zu. Wer materiell gut ausgestattet ist, kann sich auch einfacher einschränken. Schwieriger ist es für jene, die knapp bei Kasse und prekär beschäftigt oder einsam sind. Und just diese Personen trifft Corona besonders. Die Krise verdeutlicht bestehende Probleme.

Feine Unterschiede zeigen sich etwa bei zwei Achtzigjährigen. Beide sind kürzlich umgezogen.

Herr Alias Müller ist ein weit gereister Publizist. Er lebt neu in einer komfortablen Altersresidenz. Eben pendelte er noch zwischen den Kontinenten. Kaum in der Schweiz angekommen, zwingt ihn Corona, kürzer zu treten. Vereinbarte Treffen fallen ins Wasser. In der internen Cafeteria stellt Herr Müller fest, wie interessant dieses kleine Universum ist. Anregende Gespräche ergeben sich. Sie verebben aber, nachdem die Cafeteria geschlossen wird. Die Kommunikation verlagert sich auf Skype, Zoom und andere elektronische Kanäle, die ihm vertraut sind.

Anders ist die Situation für Frau Meier. Sie hat in ihrem Leben vor allem Betagte betreut und wenig verdient. Während den letzten zwanzig Jahren wohnte sie in einem Block. Weil er saniert wird, musste sie ausziehen. Die belastende Kündigung liess sich nicht abwenden. Frau Meier wohnt jetzt in einem Alters- und Pflegeheim. Sie stösst hier mit ihren Interessen auf wenig Echo. Und Corona engt ihren Radius weiter ein. Das Essen wird nun im Zimmer serviert. Damit verstärkt sich ihr Gefühl, einsam und vereinzelt zu sein.

«Noch nie sind Menschen so einsam gestorben, wie in unserer hoch zivilisierten Welt.» Das sagte uns der über 90-jährige Soziologe Norbert Elias Ende der 1980er-Jahre an einem Kongress. Inzwischen hat sich unsere Gesellschaft weiter individualisiert. Und ökonomisiert!

Miteinander
Ein finanzgetriebenes Verständnis überlagert seit Ende der 1980er-Jahre das politisch Liberale. Es forciert die Konkurrenz. Das Kapital drängt offensiver dorthin, wo es sich maximal verwerten lässt. Genug ist nie genug. Alles muss kurzfristig rentieren. Das treibt Menschen auseinander. Wirtschaftliches Wachstum zählt. Auch unser Alltag ökonomisiert sich. Zeit ist Geld. Je schneller, desto besser. Dieses Denken prägt unsere Gesellschaft. Corona stellt es infrage.

Wie der Bundesrat auf die Corona-Krise reagiert, imponiert vielen. Er schützt gesundheitliche Anliegen gegenüber wirtschaftlichen. Die verlangte Distanz entrückt allerdings Menschen voneinander. Etliche, die daheim bleiben müssen, fühlen sich isoliert. Depressionen häufen sich. Das ist in Krisen oft so. Umso mehr macht sich das Bedürfnis nach Nähe, sozialer Verbindlichkeit und Freiheit bemerkbar. Daran lässt sich anknüpfen. Aber wie? Das wird kontrovers diskutiert.

Alles rasch hochzufahren, ist eine Option. Sie betrachtet, hier arg verkürzt, unsere Gesellschaft als eine Maschine, die mechanisch funktioniert und permanent die Effizienz optimiert. Ihr Menschenbild orientiert sich am unmittelbar Nützlichen. Materielle Anreize sollen den Wohlstand ankurbeln. Egal, wie unser Konsum die Umwelt strapaziert. Es gilt, möglichst viel zu produzieren. Das zählt. So verkommen soziale Wesen zur Ware. Diese «Zweck-Normalität» entwertet nicht nur alte und beeinträchtigte Menschen. Sie fällt auf alle zurück.

Wertvolle soziale Leistungen
Zum Glück eröffnet Corona auch eine andere Sicht. Die Krise zeigt, wie wichtig einfache Handreichungen sind. Und zwar unabhängig davon, ob sie offiziell als «systemrelevant» gelten. Unsere Gesellschaft lebt von unzähligen Menschen, die sich sozial verhalten. So entsteht ein respektvolles Miteinander. Damit diese wertschätzende Haltung zum Tragen kommt, sind allerdings soziale Strukturen nötig. Der liberale Vordenker John Rawls postulierte schon vor fünfzig Jahren eine gerechte Gesellschaft, die einen sozialen Ausgleich für alle anstrebt und jene stärker unterstützt, die besonders darauf angewiesen sind. Ja, einer Gesellschaft geht es gut, wenn es möglichst allen gut geht. Corona weist uns darauf hin, wie wertvoll soziale Leistungen sind. Sie fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt für Jung und Alt. Von unschätzbarem Wert ist auch die freiwillige Arbeit, die ältere Menschen in hohem Mass erbringen.

Nicht jede Schwäche ist schwach
«Ich bin jetzt alt», stellte die Schriftstellerin Laure Wyss bald 90-jährig fest. Ihr Buch «Schuhwerk im Kopf» erschien kurz vor ihrem Tod. Im Alter gehe es offenbar darum, so Wyss, vorsichtig und ruhig zu sein und sich in einem Heim anzumelden. Ja, es sei kein Schleck, zu den Überfälligen zu gehören. Trotz «Schöner wohnen»-Angeboten. Zufriedenheit bedeute aber mehr. Nämlich eigene Vorhaben zu verwirklichen. Selbstverständlich ohne andere zu beeinträchtigen. «Ich lebe heute viel mehr so, wie ich leben möchte», bemerkte Laure Wyss weiter. Und, zusammengefasst: Das ist die Gnade des Alters. Das Alter befreit vom Zwang, sich ständig darstellen zu müssen. Es rückt andere Werte als die verdammte Selbstgerechtigkeit in den Vordergrund. Nicht jede Schwäche ist schwach. Aus der Schwäche entstehen neue Kräfte. So kann uns auch Corona dazu anregen, bewusster zu leben und uns weiter oder neu für das zu engagieren, was uns wirklich wichtig ist.

Ueli Mäder ist Soziologe, emeritierter Professor an der Universität Basel und der FHNW. Seine Arbeitsgebiete sind die soziale Ungleichheit und Konfliktforschung. Von ihm erschienen u.a. die Bücher «68 – was bleibt?» (rpv, Zürich 2018) und «Aufbruch im Alter» (rpv, Zürich 1988). Bilder: zVg.

 

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