Nach Wochen – Endlich wieder leuchtende Augen

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Grossmütter und Grossväter atmen auf. Die Zeit der wochenlangen Trennung ist vorerst vorbei, das Leben gewinnt wieder an Farbe. Auch wenn einige Fragen nicht be­frie­di­gend geklärt sind und somit bei vielen ein leicht mulmiges Gefühl bleibt. Aber jetzt schauen alle lieber erst mal vorwärts.

 

Was für ein glücklicher Moment! Meine kleinen Enkelinnen stürmen auf mich zu. Nach acht Wochen dürfen wir uns wieder umarmen. Viel zu lange gab es nur ab und zu etwas Smalltalk vom Trottoir zum Balkon hinauf, zaghaftes Winken, ratlose Gesichter, hoffnungsvolle Versprechungen. Jetzt sind die Generationen wieder zusammen, und alle freuen sich: Es gibt wieder Wärme, wir strahlen wieder.

Ohnmacht durch Distanz
Die jungen Eltern waren überfordert: Homeoffice, Homeschooling, Babys trösten – und unterdessen verbrennt der Kuchen im Ofen. Die plötzlich untätigen Grosselten fühlten sich mit der neuen Ruhe auch nicht entspannt. Im Gegenteil, manche begannen Schränke zu putzen und Vorhänge zu waschen. Aber diese Hyperaktivität führte zu nichts. So war denn bald das ganze Haus von oben bis unten blitzblank – die Putzfrau musste ja auch daheim bleiben – aber die Seele war unruhig. Also täglich Spaziergänge im Wald, das brachte zwar Abwechslung und Bewegung, aber man musste trotzdem dauernd an die jungen Mütter denken, die den ganzen Tag lang keine Pause hatten, alles ohne Hilfe machen mussten und abends todmüde ins Bett sanken.

Nähe als Problem?
Die Nähe fiel vielen jungen und älteren Paaren zur Last. Man hat von Streit und Beziehungskrisen gehört. Kein Wunder: Wenn man von früh bis spät zusammen immer in den gleichen vier Wänden sitzt und alle diese ungewohnten Aufgaben lösen soll, wird man nervös und überempfindlich. Der Mensch braucht einfach Freiraum – das war in den vergangenen Wochen in zahlreichen Familien nicht möglich.

Maria und Layla geniessen die Spaziergänge mit den Grosseltern und die schönen Pausen.

Plötzlich ist alles anders
«Was für neue Wörter kann wohl unsere Einjährige, wenn wir sie nächstes Mal sehen?» «Wie lange sind die Kleidchen noch gross genug?» Fragen über Fragen. Besonders bedauernswert waren die Grosseltern, die im Heim leben – ja, man musste sie doch schützen! Die Mutter einer Nachbarin meiner Tochter lebt in Deutschland … was tun, wenn die Grenze geschlossen und der regelmässige Besuch unmöglich ist? Sich über den Bildschirm zuwinken ist halt doch nur ein mangelhafter Ersatz für Nähe und Kontakt. Beinahe hätten viele Omas und Opas wichtige Entwicklungsschritte der Kleinen verpasst.

Informationen, Informationen …
«Vom Körperkontakt mit Kindern bis etwa 10 Jahren ist keine Gefahr zu erwarten», sagte der bestens bekannte Schweizer BAG-Experte Daniel Koch vor einiger Zeit. Sie seien kaum infiziert und würden die Krankheit nicht übertragen, auch wenn sie mit Infizierten in Kontakt waren. In Deutschland staunte man, denn dort gilt eine andere Theorie. «Die Gefahr ist gross, dass sich Covid-19 überträgt – nicht etwa weil die Kinder den Grosseltern zu nah kommen, sondern eher dann, wenn Eltern die Kinder zu den Grosseltern bringen» (Martin Stürmer). Wer soll daraus schlau werden? Wie soll man sich verhalten?

Ist jetzt alles wieder gut?
Die widersprüchlichen Analysen der Wissenschaftler, die kontroversen Anordnungen der Politiker und die oft zweifelhaften Schreckensmeldungen aus fernen Ländern geben uns zu denken. Aber dennoch können wir froh sein, dass die Schweiz die Krise bisher recht gut überstanden hat. Dank der Umsicht unserer Regierung und dank der weitgehend erfreulichen Solidarität der Öffentlichkeit haben wir wieder Tritt gefasst. Nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft und neue Freunde, viele gute Ideen zur Bewältigung des Alltags sind Errungenschaften, die wir jetzt nicht wieder preisgeben dürfen. In diesem Sinne haben wir alle viel gelernt. Schaffen wir gemeinsam viele Voraussetzungen, damit unsere Kleinen möglichst oft Grund zum Strahlen haben!

 

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