Mit dem Geleisteten anderen eine Chancen geben

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Der Herbst ist Erntezeit. Was gesät wurde, wird nun eingeholt. Blumen, Früchte und Gemüse bereiten Freude und bieten Nahrung. Ernten und ernähren geht auch anders. Menschen waren im Leben erfolgreich, und mit ihrer Ernte ebnen sie jungen Menschen die berufliche Laufbahn.

 

«Ich habe eine Erstausbildung absolviert und bekomme fürs Studium keine Stipendien. Über meinen Darlehensgeber bekomme ich finanzielle Unterstützung und persönliche Beratung. Beides ist eine wichtige Stütze für mich.» Das sagt Patrick Flückiger. Er ist 29 Jahre alt und absolviert ein Studium als Geomatik-Ingenieur. Weil er sein Studium nicht selber finanzieren konnte, meldete er sich bei der Schweizerischen Stiftung für Bildungsförderung und -finanzierung EDUCA SWISS an. Diese gemeinnützige Stiftung fördert Bildung, indem sie Personen bei der Planung und Finanzierung ihres Bildungsprojekts ermutigt und unterstützt. Ein Coach begleitet den Studierenden kostenlos und wenn das Budget nicht ausreicht, vermittelt EDUCA SWISS zusätzlich Bildungsdarlehen von Privatpersonen.

Gibt es Hürden, ist jemand da
Dank den ehrenamtlichen Coaches haben die Studierenden einen festen Gesprächspartner, wenn sie im Lauf ihres Studiums vor schwierigen Hürden oder Planänderungen stehen. Mit diesem, auf Vertrauen und Verbindlichkeit basierenden Modell, schliessen laut EDUCA SWISS signifikant mehr Personen ihr Studium erfolgreich ab.

Eine neue Biografie ermöglichen
Was motiviert jemanden, eine Rolle als Darlehensgeber zu übernehmen und so einer Person die Ausbildung zu finanzieren? Christian Suter ist über einen Zeitungsartikel auf EDUCA SWISS gestossen. Nach einem Gespräch mit dem Geschäftsführer war er überzeugt, dass er hier als Darlehensgeber nicht nur richtig ist, sondern dass er mit seinem Engagement und seinem Netzwerk etwas bewirken kann. Christian Suter ist Tierarzt und selbstständig mit eigener Nutztierpraxis. Neben Patrick Flückiger begleitet er weitere Studierende. Er erzählt uns von seinem Engagement:

Mit welcher Motivation engagieren Sie sich bei EDUCA SWISS als Darlehensgeber?
Es ist mir ein Anliegen, einen Teil meines Alterskapitals sinnvoll zu investieren. Ich investiere in Menschen, die einen realistischen Traum haben, diesen aber in ihrer persönlichen finanziellen Situation selbst nicht erfüllen können. Ich durfte solche Unterstützung bei meinem Studium aus der erweiterten Familie erfahren und möchte dies nun weitergeben. Durch die Unterstützung von Studierenden bleibe ich mit der jungen Generation in Kontakt und spüre den Puls des Lebens.

Wie wählen Sie den Darlehensnehmer aus?
Es ist mir wichtig, die Person wenigstens einmal gesehen und ein wenig kennen gelernt zu haben. Ich formuliere an diesem Treffen meinen Wunsch nach gelegentlichen Informationen über den Fortgang des Studiums. Mir ist wichtig, die Motivation des Studenten und seine Hintergründe zu kennen. Mir ist auch wichtig, dass ich den Berufswunsch als gesellschaftlich sinnvoll und zukunftsträchtig erachte. Für mich als Tierarzt liegen deshalb naturwissenschaftlich geprägte Ausbildungen im Vordergrund.

Wie oft und wie haben Sie mit Ihren Darlehensnehmern Kontakt?
Wie intensiv sich das gestaltet, überlasse ich weitgehend den Studierenden. Aber im Zusammenhang mit Covid-19 habe ich alle Studierenden angefragt, ob es Probleme gibt und wenn ja, wie ich sie unterstützen könne.

Gibt es ein bestimmtes Erlebnis, das Ihnen besonders geblieben ist?
In den letzten Wochen gab es einen regen Austausch mit Patrick Flückiger, der in Griechenland eine Feldstudie durchführt. Da wir beide Naturwissenschafter sind, konnten wir uns gut über Inhalt, Methodik und Hintergründe austauschen. Das war für mich sehr spannend.

Chancengleichheit ermöglichen
«Unser Ziel ist es, dass jede Person in der Schweiz die Chance hat, dank einer Aus- oder Weiterbildung beruflich weiterzukommen», sagt Simon Merki, Geschäftsführer von EDUCA SWISS und erklärt weiter: «Auch in der Schweiz haben jährlich über 10 000 Personen nicht den gleichen Zugang zu Bildung, weshalb wir mit unserem Modell die Chancengerechtigkeit auf eine persönliche Weise erhöhen. Betroffene können sich über die Webseite von EDUCA SWISS anmelden». So fragen wir ihn weiter:

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Studierenden aus?
Wir haben nur drei Bedingungen: Dass die Person volljährig ist, einen Wohnsitz in der Schweiz hat und einen konkreten Berufswunsch verfolgt. Wir schliessen niemanden aus, der diese Bedingungen erfüllt, ausser die Person hat ein akutes Überschuldungsrisiko.

Wie erfolgt der Prozess der Darlehensvermittlung?
Nachdem sich eine Person bei uns angemeldet hat, wird sie von einem Coach begleitet. Gemeinsam stellen die beiden einen Finanzierungsplan für die Aus- oder Weiterbildung zusammen. Dank dem profes­sionellen Dossier lassen sich oft Gelder aus dem familiären Umfeld, von Stipendienstellen oder Stiftungen finden. Sind diese jedoch ausgeschöpft, vermitteln wir private Darlehensgeber.

Wie lange wartet jemand auf einen Bescheid?
Die Personen kommen idealerweise schon vor ihrer Aus- oder Weiterbildung auf uns zu, denn durchschnittlich dauert der gesamte Prozess von der Anmeldung bis zum Darlehen gut 3 bis 4 Monate. So können wir das anstehende Bildungsprojekt sorgfältig planen und die Finanzierung vorbereiten. Jedoch sind wir auf Darlehensgeber angewiesen, die schlussendlich bereit sind, das Geld zur Verfügung zu stellen.

Sie vermitteln Darlehen. Wie wird die Rückzahlung geregelt?
Die Rückzahlung beschliessen Darlehensnehmer und Darlehensgeber gemeinsam und halten dies vertraglich fest. Dieser Rückzahlungsplan wird von uns begleitet und muss realistisch sein.

«Darlehen und Begleitung geben mir Sicherheit»
Die finanzielle Unterstützung durch Christian Suter gibt Patrick Flückiger eine grosse Sicherheit im Studium. Darlehensgeber sind nicht verpflichtet, ihre Studierenden auch als Mentor zu unterstützen. Jedoch werden die Ratschläge oder das Netzwerk oft sehr geschätzt. Das ist auch bei Patrick Flückiger so:

Wie sind Sie auf EDUCA SWISS gestossen und wie haben Sie den Prozess bis zum Darlehen erlebt?
Als ich sah, dass ich mein Studium fremdfinanzieren musste, bin ich während meiner Internetrecherche auf EDUCA SWISS gestossen. Der Weg bis zum Darlehen gestaltete sich sehr effizient und gut strukturiert.

Würden Sie EDUCA SWISS Ihren Kommilitonen weiterempfehlen?
Ich empfehle EDUCA SWISS weiter aufgrund des sehr persönlichen und stets freundlichen Kontakts. Und weil ich die benötigte Unterstützung gefunden habe.

Wie gestaltet sich der Austausch mit Christian Suter?
Da ich gerade in Griechenland auf meinem Fachgebiet praktisch arbeite, erfolgt der Austausch mit Christian Suter aktuell via Mail. Dabei sende ich ihm sporadisch ein Update mit Neuigkeiten aus meinem täglichen Leben.

Das Modell ist ausbaubar
Die Stiftung mit Sitz in Luzern gibt es erst seit 2015. Die Verantwortlichen sind aber überzeugt, dass das Modell zukunftsfähig, ausbaubar und essentiell für die Chancengerechtigkeit in der Schweiz ist. Immer mehr Menschen möchten von ihrer Ernte etwas weitergeben und statt hohen Zinsen und Dividenden Studienabschlüsse von jungen Menschen sehen, die sich damit den Start ins Berufsleben ermöglichen oder verbessern.

Simon Merki: «Bei uns steigt die Nachfrage nach Darlehen stetig und deshalb sind wir mehr denn je auf zusätzliche Darlehensgeber angewiesen, die so direkt Bildung fördern. Im Durchschnitt benötigt ein Kandidat bei uns 15 000 CHF, um seine Aus- oder Weiterbildung zu finanzieren. Mit diesem überschaubaren Betrag, kann ein Darlehensgeber eine komplette Biographie nachhaltig beeinflussen.» Die Stiftungsrätin von EDUCA SWISS Monique Bär, ergänzt: «Wir erleben tagtäglich, wie sich das Leben einer Person durch eine Aus- oder Weiterbildung positiv verändert. Diese Weiterentwicklung darf nicht aufgrund der Finanzierung scheitern. Genau deshalb ist das Engagement der Darlehensgeber so enorm wichtig für die Chancengerechtigkeit in der Schweiz.»

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