Weder Lobby noch Perspektive Kultur in der Corona-Krise

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Viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler kämpfen ums Überleben. Ihnen droht der Gang zum Sozialamt. Läuft die Kulturszene in der aktuellen Corona-Pandemie Gefahr, in die Bedeutungslosigkeit abzusinken?

 

In diesen schweren Zeiten scheint die Kultur in der Öffentlichkeit keine bedeutende Rolle zu spielen. Viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler sind ohne Jobs, erhalten kein Einkommen, haben keine Perspektive. Die Corona-Gelder des Bundes und der Kantone fliessen nur zögerlich. Die Bearbeitung der Gesuche dauert. Und oft werden die Kulturschaffenden nur mit geringen Beiträgen unterstützt, die das Überleben nicht sichern können. Droht also eine Flurbereinigung unter den Kulturschaffenden?

Gang zum Sozialamt unausweichlich?
Viele Kunstschaffende behalfen sich in der Corona-Krise mit Instagram- und YouTube-Auftritten, um gelebte Solidarität für die Menschen, die zu Hause bleiben mussten, zu zeigen. Doch langsam scheinen die meist kostenlosen Auftritte zur Gewohnheit zu werden, derweil viele Kunstschaffende nicht wissen, wie sie die harte Durststrecke überstehen werden. Für viele ist der Gang zum Sozialamt unausweichlich. Zu den hauptsächlich ­betroffenen Berufszweigen zählen hierbei Musiker/innen, Künstler/innen und Musikpädagog/innen sowie soloselbstständige Veranstaltungs- und Bühnentechniker/innen, Fotograf/innen, Filmkünstler/innen, freie Schauspieler/innen und freie Autor/innen.
Hat die Kultur vielleicht gar keinen Platz mehr in dieser «neuen Realität», von der überall die Rede ist? Das wäre verheerend. Die berühmte deutsche Geigerin Anne-Sophie Mutter warnt: «Je weniger relevant die Kunst und Musik im öffentlichen Leben ist, umso ärmer wird das Land der Dichter und Denker. Und wenn wir aus der Krise herauskommen, dann kann man nicht einfach den Schalter umlegen. Die vielen Freiberufler, die inzwischen andere Jobs annehmen mussten, um zu überleben, sind dann weg. Verloren for ever.» Diese Aussage gilt auch für die Kulturschaffenden in der Schweiz. Hier wie in Deutschland ist die Kulturbranche kleinteilig strukturiert.

Neue Hilfsmassnahmen erforderlich
Die Corona-Krise hat die prekäre Situation von freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern deutlich ­gemacht. Der Schweizer Schriftsteller und Regisseur Rudolph Jula mahnt: «Neben den grossen Kulturinstitutionen, gern Leuchttürme genannt, tragen Tausende Freischaffende und Soloselbstständige zum Funktionieren der Kulturbranche bei. Genau bei dieser Gruppe finden sich auch die meisten Geringverdiener. Sie sind die Basis des Kultursektors – und damit auch der Wertschöpfungskette». Jula rechnet vor, dass die Kulturbranche mit einem Jahresumsatz von 22 Milliarden Franken rund 4 Prozent zum Bruttoinlandprodukt BIP beiträgt, was just dem Jahresumsatz der Credit Suisse entspricht, «deren Systemrelevanz kaum jemand bezweifeln würde».
Neue Hilfsmassnahmen sind angezeigt. Im September entscheidet das eidgenössische Parlament über neue Hilfsgelder, auch für die Kultur. Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia rechnet damit, dass Massnahmen bis weit ins Jahr 2021 nötig sein werden, um zu verhindern, dass sowohl strukturell wie auch individuell die Kulturbranche keine Flurbereinigung erleidet. Und wenn wieder eine Art Normalität einkehrt, gelte es, die soziale Sicherung von Kulturschaffenden zu verbessern. Wie diese Sicherung aussehen soll, ist noch völlig offen. Pro-Helvetia-Direktor Philippe Bischof spricht von einer Art Sozialversicherungssystem für Künstler analog der Sozialkünstlerkasse in Deutschland. Auch wirbt Bischof für faire Künstlerentschädigungen: «Künstler, die nicht verkaufbare Kunst machen, brauchen für ihre Arbeit ein Salär, damit sie davon leben können.»
Will und kann sich unsere Gesellschaft eine solche Entschädigung leisten? Zweifel sind angebracht. Das will nicht heissen, dass wir nicht über längerfristige Kultur-Fördermodelle nachdenken müssen. Die Corona-Krise hat uns drastisch vor Augen geführt, dass die Kulturbranche dringend eine umsetzbare Perspektive braucht. Kultur hat eine nicht weniger wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft.

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